Ein Grexit-Szenario

Die Verhandlungen zwischen Griechenland und der Eurogruppe hinsichtlich einer Verlängerung des am 28. Februar auslaufenden Kreditprogramms stehen auf Messers Schneide. Selbst wenn eine Übereinkunft gelingt, wäre auch der Ausgang der anschließenden Hauptverhandlungen über ein neues Abkommen offen. Obgleich Griechenland einen Grexit vermeiden möchte, ist die Gefahr, dass ein solcher Fall eintritt, nicht gering.

Ausgangspunkt des Grexits dürfte die Entscheidung der EZB sein, nach einem etwaigen Scheitern der Verhandlungen die Liquiditätsnothilfen (ELA) für griechische Banken zu beenden. Um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern, wäre Griechenland gezwungen, neues, eigenes Geld auszugeben. Es müssten auch die Kundeneinlagen in Drachme konvertiert werden. Im Zweifel würden sogar sämtliche inländischen Forderungen und Verbindlichkeiten auf Drachme umgestellt. Um der Kapitalflucht und dem Abfluss dringend benötigter „Euro-Devisen“ zu begegnen, müssten auch Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden.

Der Euro wäre zwar noch offizielle Währung, er dürfte im Innenverhältnis aber nur noch (und vielleicht auch nur vorübergehend) als Bargeld-Instrument zum Einsatz kommen, bis Drachme-Scheine gedruckt werden könnten. Der Staat würde seine Euro-Verbindlichkeiten ebenfalls auf Drachme umstellen, was einer einseitigen Abänderung von Kredit- und Anleihebedingungen gleichkäme und einen Zahlungsausfall auslösen würde.

Der offizielle EWU-Austritt dürfte einige Zeit auf sich warten lassen, bis ein rechtlicher Weg gefunden wäre, wie Griechenland trotz Grexit in der EU bleiben könnte. Griechenland würde vor allem auf die mit der EU-Mitgliedschaft verbundenen Vorteile, insbesondere als Netto-Zahlungsempfänger, nicht verzichten wollen. Die wirtschaftlichen Folgen des Grexits dürften jedoch auch bei einer weiteren EU-Mitgliedschaft drastisch sein. Eine ausgeprägte Rezession, ein herber Verlust von Vermögenswerten und eventuell sogar ein humanitärer Notstand sind denkbar. Langfristig könnte Griechenland aber von niedrigeren Lohnstückkosten der Industrie und einem Aufschwung im Tourismus profitieren.

19.02.2015

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