Der Preis niedriger Zinsen

Seit Anfang der 90er Jahre sind tendenziell immer weiter sinkende Zinsen zu beobachten. Sowohl im Bereich der Geldanlage als auch bei Krediten haben die Zinssätze in letzter Zeit neue historische Tiefststände erreicht. In verschiedenen Anlagekategorien fiel der Realzins sogar negativ aus. Von der anhaltenden Phase extrem niedriger Zinsen gehen diverse Wirkungen auf die privaten Haushalte in Deutschland aus, die mit Nachteilen, aber auch Vorteilen verbunden sind und teilweise erst zeitlich verzögert eintreten.

Zu den gravierendsten Folgen zählt der Einbruch der Zinseinkünfte bei der Geldanlage: Im Vergleich zu einem Referenzzinsniveau, das den langjährigen Durchschnittszins ohne außergewöhnliche Inflationsereignisse und größere Krisen widerspiegelt, summieren sich die entsprechenden Einkommenseinbußen der privaten Haushalte in den letzten fünf Jahren auf über 190 Mrd. Euro. Problematisch sind vor allem die Jahre 2011 bis 2013, in denen der durchschnittliche Nominalzins aller verzinslichen Geldvermögensbestandteile der Bürger unter die Inflationsrate fiel. Für letztes Jahr lässt sich lediglich dank einer extrem niedrigen Inflationsrate ein leicht positiver Realzins errechnen. Da negative Realzinsen ein Abschmelzen der Geldvermögen bewirken, mussten die privaten Haushalte in den letzten Jahren immer mehr neue Anlagemittel aus dem laufenden Einkommen beisteuern, um die Geldvermögensbildung stabil zu halten.

Direkte Vorteile niedriger Zinsen bestehen in geringeren Kreditkosten. Im Vergleich zum Referenzzins zahlten die privaten Haushalte von 2010 bis 2014 fast 78 Mrd. Euro weniger Kreditzinsen an Banken und andere Kreditgeber. Beim Vergleich der unmittelbaren Auswirkungen auf Zinsausgaben und -einnahmen überwiegen für die privaten Haushalte mit ihrem insgesamt hohen Netto-Geldvermögen jedoch die Nachteile. Profitierende Wirtschaftssektoren der Niedrigzinsphase sind die Netto-Schuldner, allen voran der deutsche Staat, aber auch die Unternehmen.

Zu den indirekten Vorteilen der Niedrigzinsphase gehören steigende Aktienkurse. Teilweise sind die hohen Kurszuwächse der letzten Jahre in günstigen wirtschaftlichen Perspektiven der Unternehmen begründet, teilweise sind sie Nachholeffekten nach dem Börsencrash des Jahres 2008 geschuldet. Eine nicht unerhebliche Rolle spielen aber auch Ausweichreaktionen der Anleger auf extrem niedrige Zinsen für verzinsliche Anlageformen. Das Wachstum der Geldvermögensbestände privater Haushalte wurde vor allem in den Jahren 2012 und 2013 vom Börsenboom unterstützt. Allerdings agieren die Deutschen traditionell eher vorsichtig. Lediglich rund zehn Prozent des gesamten privaten Geldvermögens besteht hierzulande aus Aktien. Das ist nicht einmal die Hälfte des Anteils, den private Haushalte in anderen europäischen Ländern halten. Selbst wenn man Aktienfonds und entsprechende Zertifikate hinzunimmt, erreichen aktienkursabhängige Geldvermögensbestandteile gerademal 15 Prozent. Dementsprechend profitieren deutsche private Haushalte deutlich schwächer von günstigen Entwicklungen an den Aktienbörsen als Bürger in anderen Ländern.

Ausweichreaktionen der Anleger aus Enttäuschung über extrem niedrige und teils bereits negative Zinsen können generell zu Übertreibungen auf anderen Märkten führen. Die Gefahr der Bildung von Preisblasen, die beim Platzen zu erheblichen Verlusten führen, betrifft nicht nur die Aktien-, sondern auch die Immobilienmärkte. Insgesamt sind in Deutschland bislang zwar recht moderate Preisentwicklungen an den Immobilienmärkten zu beobachten. Eine Ausnahme bilden jedoch städtische Lagen in Ballungszentren. Hier sind die Immobilienpreise in den letzten Jahren stark gestiegen. Es wächst nicht nur die Gefahr von Verlusten, wenn Immobilien nach einem Preiseinbruch wieder verkauft werden sollen. Die gestiegenen Immobilienpreise erhöhen auch den Kreditbedarf bei der Finanzierung der Immobilien. Den Kreditkostenvorteilen, die private Erwerber durch die niedrigen Zinsen haben, stehen dann Nachteile durch eine insgesamt höhere Kreditsumme entgegen.

Insgesamt überwiegen für die privaten Haushalte in Deutschland die Nachteile, die von den extrem niedrigen Zinsen ausgehen. Das liegt nicht nur daran, dass die Bürger weniger Schulden als Geldvermögen haben. Das liegt auch daran, dass private Haushalte in Deutschland nur gering in Aktien, Aktienfonds und Zertifikaten engagiert sind und dementsprechend schwach an positiven Entwicklungen an den Aktienmärkten partizipieren.

09.04.2015

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