Bielmeiers Blog

Aus Informationen Wissen machen.

Wirtschaftsnachrichten selektieren – analysieren – kommentieren. Das ist das Metier von Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt und Bereichsleiter Research und Volkswirtschaft der DZ BANK, und seinem Analystenteam. In seinem Blog zeigt Bielmeier die konjunkturelle Entwicklung in den weltweit wichtigsten Wirtschaftsregionen auf, befasst sich mit den Trends an den internationalen Finanzmärkten und bezieht Position zum aktuellen Politikgeschehen.

Lesen Sie in Bielmeiers Blog die Essenz aus der täglichen Datenflut – machen Sie sich das Expertenwissen zu Nutze.
Lateinamerika nach dem Superwahljahr

Der Trend, dass neben der wählenden Bevölkerung auch internationale Anleger bei Wahlen oftmals den Atem anhalten, hat auch vor Lateinamerika nicht haltgemacht. Vor diesem Hintergrund waren die letzten zwölf Monate in der Region äußerst spannend, da in gleich vier Ländern wichtige Urnengänge anstanden – und das in einem Umfeld sinkender Zustimmungswerte hinsichtlich des Funktionierens der Demokratie. In Chile und Kolumbien sind dabei (immerhin) Regierungen aus dem Mitte-Rechts-Lager gewählt worden, die für einen pragmatischen Kurs in der Wirtschaftspolitik stehen. In Mexiko und Brasilien haben sich die Wähler jedoch weiter „an die Ränder gewagt“. Während sich mit Andres López Manuel Obrador – kurz AMLO – in Mexiko ein Bewerber des linken Spektrums durchgesetzt hat, siegte in Brasilien der Rechtsaußen Jair Bolsonaro. Damit herrscht nun zumindest Klarheit darüber, wer die Geschicke des jeweiligen Landes leiten wird. Über den Kurs sowie die Art und Weise des Regierens kann aktuell jedoch nur spekuliert werden. Während…

Theresa May bleibt standhaft und zieht es durch

Die Ankündigung der gestrigen Pressekonferenz hatte, vorhersehbarerweise, Spekulationen über einen möglichen Rücktritt Theresa Mays ausgelöst. Und wer könnte es ihr verdenken? Selbst in einer Amtszeit, die von Anfang an von Problemen geplagt war, dürfte der gestrige Tag unter die Top-5 der Tiefpunkte fallen. Nach den Rücktritten mehrerer Kabinettsmitglieder und einiger Staatssekretäre am Vormittag, musste sich May geschlagene drei Stunden den Fragen der Parlamentarier stellen. Das Urteil über den von ihr verhandelten Vertrag mit Brüssel fiel dabei durch die Bank weg vernichtend aus. Größter Stein des Anstoßes ist nach wie vor der Backstop, den viele Mitglieder des Parlaments als Hintertür in Richtung einer dauerhaften Zollunion Großbritanniens mit der EU betrachten. Gleichzeitig wächst nicht nur auf Seiten der nordirischen DUP der Unmut darüber, dass Nordirland, welches weiterhin als Teil des Binnenmarktes behandelt werden soll, einen Sonderstatus innerhalb des Vereinigten Königreiches erhalten könnte. Manch einer sieht hierin bereits das Ende der Union gefährdet….

Börsen im Defensivrausch: Künstliche Intelligenz zum KGV von Dosensuppenherstellern

Aktienmarkteilnehmer setzen auf eine starke Defensive und kaufen vermeintlich langweilige Unternehmen statt stark wachsender Titel. Dies war im Oktober zu sehen, als die bis dato geliebten Technologiewerten großen Kursverluste verzeichneten, während die zuvor verschmähten defensiven Werte aufholten. Aktien aus den Branchen Pharma und Nahrungsmittel notieren aktuell auf Jahreshöchstständen, während konjunkturzyklische Werte deutlich darunter notieren. In der Theorie hängt das Wohlergehen zyklischer Werte von einem wirtschaftlich wachsenden Umfeld ab, in einer volkswirtschaftlichen Rezession fallen die Titel entsprechend überdurchschnittlich. Die defensiven Titel hingegen wachsen auch, wenn die Wirtschaft schwächelt. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass Unternehmen wie Nestlé, AB Inbev, Coca Cola und Co. schon seit einigen Jahren deutlich schwächer wachsen (wenn überhaupt) als die globale Inflation. Die defensiven Unternehmen suchten ihr Heil zunehmend in finanztechnischen Maßnahmen. Dazu gehörten Aktienrückkäufe und Dividendenzahlungen, dank niedriger Zinsen auch auf Kredit. Durch die Rückkaufsprogramme stiegen die Gewinne je Aktie trotz stagnierenden Geschäfts. Spätestens seitdem…

Rom will es wissen

Nachdem Rom am Dienstag einen „überarbeiteten Budgetentwurf“ in Brüssel eingereicht hat, liegt der Ball nun wieder bei der EU-Kommission. Diese wird die lediglich kosmetisch veränderten Fiskalpläne Italiens weiterhin nicht akzeptieren können, da das veranschlagte Defizit und die Wachstumsprognosen zu optimistisch bleiben. Doch die Überzeugungskraft der Mittel, mit Hilfe derer Brüssel Druck auf die pan-populistische Exekutive im Stiefelstaat ausüben könnte, sind recht begrenzt. Zunächst kann der Europäische Rat auf Vorschlag der EU-Kommission mit qualifizierter Mehrheit ein Verfahren wegen übermäßigen Defizits etwa Anfang nächsten Jahres einleiten. Das wäre der erste Akt eines EU-Eskalationsdramas, den schon viele Euroländer erfahren haben. In Folge dessen würden Italien wirtschaftspolitische Maßnahmen oder Reformen auferlegt, die innerhalb von drei bis sechs Monaten zu erfüllen wären. Bei Nicht-Einhaltung der Forderungen könnten am Ende Sanktionen in Form von Geldbußen (0,2% des BIP, rund 4 Mrd. Euro) stehen. Die Ende Mai 2019 anstehenden Europa-Wahlen dürften die Handlungsfähigkeit der EU-Kommission jedoch behindern…

Brexit: Ein Schritt nach vorne, zwei Schritte nach hinten

Fünf Stunden hat es gedauert, bis Premierministerin May den Vollzug vermelden konnte. Nach einer „emotionalen“ Debatte konnte sie ihr Kabinett gestern Abend auf eine gemeinsame Linie vereinen und sich der Zustimmung ihrer Minister für die Backstop-Lösung sichern. Erneut, so schien es zumindest gestern Abend, hatte May ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, auch im größten Sturm Ruhe zu bewahren und sich von dem Getöse um sie herum nicht verunsichern zu lassen. Am heutigen Morgen droht jedoch bereits neues Ungemach: Mays Brexit-Minister Dominic Raab und Arbeitsministerin Esther McVey haben ihren Rücktritt angekündigt, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass im Tagesverlauf weitere Minister ihrem Beispiel folgen werden. Alles hängt nun davon ab, ob es May gelingt, ihre Regierung vor dem Kollaps zu bewahren und selbst im Amt bleiben zu können. Zunächst wird May ihr Kabinett neu sortieren und die vakanten Plätze neu besetzen müssen. Im Idealfall wird sie sich dadurch neue Rückendeckung sichern…

Rohöl – Preissturz auf 65 US-Dollar nach der übertriebenen Party

Ein Barrel Brent-Rohöl kostet nur noch rund 65 US-Dollar – vor sechs Wochen stand der Preis noch bei 85 USD. Es wurde damals sogar spekuliert, er könne möglicherweise schon in Kürze die 100-USD-Marke erreichen. In volatilen Marktphasen können sechs Wochen eine lange Zeit sein. Ausschließlich fundamental ist der 24%ige Preissturz des Nordsee-Rohöls aber nicht zu erklären. Die vergangenen drei Monate waren eine Phase von Über- und Untertreibungen. Im August war das Preisumfeld ausgesprochen „bullish“: Von den USA waren gerade die ersten Sanktionen gegen Teheran verhängt worden. Iranischen Rohöl-Kunden wurde nahegelegt, ihre Einfuhren auf null zu reduzieren, um scharfen Sekundärsanktionen zu entgehen. In diesem Kontext begann der Markt, iranische Export-Verluste von 1,5-2,0 Mio. Barrel pro Tag (mbd) einzupreisen. Zeitgleich sorgten innenpolitische Probleme in Libyen dafür, dass die Produktion von 1,0 mbd auf 0,6 mbd zurückfiel. Überdies nahm das US-Energieministerium (DOE) unter Verweis auf Pipeline-Probleme im Schiefergas-Premium-Gebiet Permian seine Produktionserwartungen zurück. Schließlich…