Bielmeiers Blog

Aus Informationen Wissen machen.

Der Chefvolkswirt und Bereichsleiter Research der DZ BANK, Stefan Bielmeier, kommentiert die konjunkturelle Entwicklung in Europa, den USA und den Emerging Markets, bewertet die Trends an den internationalen Finanzmärkten und bezieht Stellung zu Politik und Wirtschaftspolitik – kurz, prägnant und auf den Punkt gebracht.

Unterstützt wird Stefan Bielmeier in seinem Blog von den Konjunktur- und Finanzmarktexperten des DZ BANK Research. Lesen Sie in Bielmeiers Blog, mit welchen Themen sich das DZ BANK Research aktuell befasst, worauf die Experten ihren Fokus richten und wie sie die gesamte Entwicklung bewerten.
Deutsch-französischer Kuhhandel – Flüchtlingsrücknahme gegen Eurozonen-Budget

Die Eurozone soll ein eigenes Budget bekommen! Nach Monaten des Tauziehens konnten sich die Regierungschefs der beiden größten EU-Länder im Rahmen der „Meseberg-Erklärung“ auf eine gemeinsame Agenda für die Zukunft der E(W)U einigen. Doch diese liest sich eher weniger als Reformplan der Währungsgemeinschaft als vielmehr wie ein Kuhhandel, mit dem Merkel und Macron innenpolitisch punkten wollen: Flüchtlingsrücknahme gegen Eurozonen-Budget. Die Bundeskanzlerin versucht ihre bayerische Schwesterpartei, die sich im Herbst Landtagswahlen stellen muss, in Sachen Migrationspolitik zu befrieden, um gleichzeitig einen drohenden Regierungsbruch zu verhindern. Frankreichs Präsident verfolgt hingegen sein Prestige-Projekt eines solidarischen Europas mit vertiefter finanzieller Gemeinschaft. Trotz Meseberg-Pathos kann „Merkrons“ Verhandlungsergebnis insgesamt nicht wirklich überzeugen – sucht man letztlich vergebens nach konkreten Vorschlägen. Den ESM wollen sie in (irgend-)einen Europäischen Währungsfonds umwandeln, der unter anderem kurzfristige Kreditlinien gegen Liquiditätsengpässe zur Verfügung stellen soll. Zur Vollendung der Bankenunion sollen Risiken in den Bankbilanzen abgebaut werden – doch das „Wie?“ und…

Deutsche Small- und Midcap-Aktien: Erfolg in der Nische dank ungebremster Innovationskraft

Ende 1987 notierten DAX, MDAX und SDAX bei 1.000 Punkten. Während heute DAX und SDAX mit rund 12.500 Punkten annähernd gleichauf liegen, steht der MDAX mit über 26.000 Punkten mehr als doppelt so hoch. Obwohl der DAX der bekannteste der Indizes ist, konnten die kleinen Indizes (auch der TecDAX) in den letzten 15 Jahren den DAX hinsichtlich der Kursentwicklung übertreffen. Der Erfolg liegt an der Zusammensetzung der kleineren Indizes. Viele der sogenannten Hidden Champions, also der Weltmarktführer aus der zweiten Reihe, sind vertreten. Diese können durch Innovationen sowie die Fokussierung auf die Nische häufig schneller wachsen als die großen DAX-Konzerne. So entwickeln sich die kleineren Unternehmen in Aufschwungphasen besser, mussten während der Finanzkrise 2008/09 aber auch größere Rückschläge hinnehmen. Unsere Analysten sehen derzeit bei den kleinen und mittelgroßen Unternehmen Chancen aufgrund von Aktivitäten in Trendthemen wie Digitalisierung, E-Mobilität und Internetdienstleistungen. Dank neuer Technologietrends (z.B. Cloud-Computing, Industrie 4.0, künstliche Intelligenz, autonomen…

Wahl in der Türkei – wenig Klarheit, viele Fragezeichen

Am kommenden Sonntag finden in der Türkei vorgezogene Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt. Zugleich tritt mit dem Urnengang die im Frühjahr 2017 im Rahmen eines Referendums angenommene, aber dennoch umstrittene Verfassungsreform in Kraft. Diese stärkt die Machtbefugnisse des Präsidenten gegenüber dem türkischen Parlament. Regulär standen Neuwahlen erst für Ende 2019 auf der Agenda. Wohl nicht zuletzt mit der Absicht, seine Wiederwahl zu sichern, zog Staatsoberhaupt Erdogan diese jedoch auf den 24. Juni vor. Laut aktuellen Umfragen ist fraglich, ob der Plan des amtierenden Präsidenten aufgehen wird. Weder Erdogan noch das ihn unterstützende Wahlbündnis aus AKP und nationalistischer MHP können sich derzeit sicher sein, die absolute Mehrheit der Stimmen auf sich zu vereinen. Mit Blick auf die Zusammensetzung des künftigen Parlaments könnte es vor allem darauf ankommen, ob die pro-kurdische HDP über die für Einzelparteien geltende 10%-Hürde klettern wird. Sollte dies gelingen, könnte die HDP gemeinsam mit einem oppositionellen Parteienbündnis, dem unter…

Die Zollschraube dreht sich munter weiter

Die USA dreht munter weiter an der Zollschraube und bringt damit zusehends das weltweite Wachstumsmodell einer arbeitsteiligen Wirtschaft in Gefahr. Die US Wirtschaft dürfte hiervon zunächst am wenigsten betroffen sein. Deutschland und Europa dürften dagegen am stärksten die Folgen dieser Handelspolitik spüren. Anbei die Faktenlage in ein paar Grafiken dargestellt.      

Aktienmarkt: Die deutschen Marathon-AGs

Am Aktienmarkt auf das, wie der Amerikaner sagt, „disaster du jour“ zu setzen, ist bei Anlegern beliebt. Im Erfolgsfall winken hohe Erträge. Ohne spezielle spezifische Unternehmens- und Branchenkenntnisse bleiben solche Investitionen (z.B. Turnaround bei GE) oberflächliche Wetten, die aufgehen können oder auch nicht. Auch ziehen häufig mehr Jahre als geplant ins Land, bevor der „Investment Case“ aufgeht – falls überhaupt. Beispiele der letzten Jahre sind in den USA z.B. bei Mall- und Kaufhausaktien zu beobachten (u.a. Sears) oder hierzulande bei Turnaroundspekulationen auf deutsche Bankentitel. Anleger, die sich in solche Sonderthemen „verlieben“ und ihre Investitionen mit entsprechender finanzieller Feuerkraft unterlegen, verlieren kostbare Zeit. Während dieser steigen die Märkte immer weiter an (die historische Basisrate im DAX liegt bei rund acht Prozent), so dass sich die Opportunitätskosten in Form entgangener Gewinne munter aufzinsen. Nicht nur Anleger, die Rendite „machen müssen“ (z.B. Pensionskassen, Fonds mit Benchmark) können sich dies nicht erlauben. Langfristig orientierte…

EZB-Geldpolitik bis Sommer 2019 auf Autopilot

Die europäischen Währungshüter haben bei ihrem heutigen Zusammentreffen beschlossen, das Anleiheankaufprogramm (APP) bis zum Ende des Jahres zu verlängern. Sollte sich die Inflation in die von der Notenbank gewünschten Richtung entwickeln, wird das Volumen der monatlichen Anleihekäufe (netto neu) ab Oktober auf 15 Mrd. Euro vermindert. Unter den genannten Voraussetzungen würden die Nettoneukäufe dann Ende Dezember beendet werden. Um unerwünschten Zinserhöhungsspekulationen zu begegnen, hat die EZB ihre Forward Guidance für den Leitzinsausblick grundlegend adjustiert. So gehen die Währungshüter nunmehr davon aus, dass die Leitzinsen zumindest bis über den Sommer 2019 unverändert bleiben werden. Ungewöhnlich ist in diesem Zusammenhang, dass sich die EZB für einen solch langen Zeitraum festlegt. Dies wurde von den Marktakteuren als „dovishes“ Signal interpretiert und der Bund-Future hat mit Kursgewinnen reagiert. Aus der Forward Guidance selbst lässt sich nicht sicher ableiten, inwieweit die EZB eine Zinserhöhung für Herbst 2019 oder sogar noch zu einem späteren Zeitpunkt erwägen…