Bielmeiers Blog

Aus Informationen Wissen machen.

Wirtschaftsnachrichten selektieren – analysieren – kommentieren. Das ist das Metier von Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt und Bereichsleiter Research und Volkswirtschaft der DZ BANK, und seinem Analystenteam. In seinem Blog zeigt Bielmeier die konjunkturelle Entwicklung in den weltweit wichtigsten Wirtschaftsregionen auf, befasst sich mit den Trends an den internationalen Finanzmärkten und bezieht Position zum aktuellen Politikgeschehen.

Lesen Sie in Bielmeiers Blog die Essenz aus der täglichen Datenflut – machen Sie sich das Expertenwissen zu Nutze.
Türkische Notenbank hebt Leitzins an – Lira zurecht skeptisch

Die türkische Zentralbank (TCMB) hat zuletzt eher unerwartet den Leitzins um 200 Bp auf 10,25% erhöht. Begründet wurde der Schritt explizit mit den Risiken für den Inflationsausblick sowie der Notwendigkeit, die Inflationserwartungen im Zaum zu halten. Lange hatten sich die Währungshüter geziert, diesen Schritt in Form einer Erhöhung des offiziellen Leitzinses zu gehen und damit eine seit Wochen überfällige Abkehr von der „restriktiveren Geldpolitik durch die Hintertür“ zu vollziehen. Spätestens seit Mitte August hatte die Zentralbank die Liquiditätsversorgung so gestaltet, dass Geschäftsbanken in teurere Refinanzierungsfazilitäten gedrängt wurden. Damit gelang es den Währungshütern zwar, die durchschnittlichen Refinanzierungskosten der Finanzinstitute zu erhöhen und so einen restriktiven Impuls in Richtung der türkischen Geldmärkte zu geben. Zugleich ging jedoch geldpolitische Transparenz und Glaubwürdigkeit verloren, wurde die zögerliche Haltung doch als Kniefall vor Staatspräsident Erdogan interpretiert. Dieser hatte sich auch zuletzt wieder lautstark für niedrigere Zinsen ausgesprochen. Die Anhebung des offiziellen Leitzinses stellt zwar gerade…

Bauboom stützt die deutsche Wirtschaft

Dass die deutsche Wirtschaft wegen der Corona-Pandemie nicht noch tiefer in die Rezession gerutscht ist, hat sie neben dem Staatskonsum vor allem der – im Gegensatz zu anderen Ländern wie etwa Großbritannien – erfreulichen Entwicklung der Bauwirtschaft zu verdanken. Zwar gaben auch die Bauinvestitionen in diesem Frühjahr nach. Das lag aber nicht an der Corona-Krise, sondern an der überaus guten Entwicklung im ersten Quartal. Die Bauinvestitionen nahmen im ersten Halbjahr 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum real um 3,2 Prozent und nominal sogar um 6,3 Prozent zu. Zum Vergleich: Die Investitionen in Maschinen und Ausrüstungen brachen im gleichen Zeitraum nominal um 18 Prozent und real um über 19 Prozent ein. Damit stieg die Bedeutung der Bauinvestitionen für die deutsche Wirtschaft weiter. Lag der Anteil der Bauinvestitionen am nominalen Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Halbjahr 2005 noch bei lediglich 8,7 Prozent, betrug er in der ersten Hälfte dieses Jahres 12,1 Prozent. Obwohl die Auftragseingänge…

Kollateralschäden

In den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts war die Welt aus Sicht der Notenbanken noch in Ordnung. Es gab wirtschaftliche Zyklen und Inflation. Das Bestreben der Notenbanken war, die zeitweise überschäumenden Teuerungsraten zu bändigen und dafür wurden auch Kollateralschäden in Kauf genommen. Sie konnten sogar sehenden Auges eine „Stabilisierungsrezession“ herbeiführen, nur um aus dem Ruder gelaufene Inflationserwartungen wieder einzufangen und die Preissteigerungsraten zu dämpfen. Heute sehen sich die Notenbanken (existenziellen) Krisen und struktureller niedriger Inflation gegenüber. Krisenbewältigung und Schaffung von Inflation sind die Hauptaufgaben geworden. Auch diese Herausforderungen werden von den Notenbanken mit Vehemenz angegangen und Kollateralschäden werden wieder in Kauf genommen. Die Kollateralschäden sind jetzt aber keine Rezession, sondern überbordende Kapital- und Immobilienmärkte sowie eine steigende Verschuldung. Den gordischen Knoten, den die Notenbanken geschaffen haben, könnte eine steigende Inflation zerschlagen. Es ist jedoch offen und unsicher, ob mit niedrigen Zinsen und einer steigenden Geldmenge tatsächlich Inflation geschaffen…

Einkaufsmanagerindizes im Euro-Raum: Die Angst vor der zweiten Welle unter den Dienstleistern

Unter den europäischen Dienstleistern scheint mehr und mehr die Sorge vor einer zweiten Infektionswelle im Herbst Oberhand zu gewinnen. Weite Teile des Dienstleistungssektors leiden ohnehin noch immer unter den teilweise geschäftseinschränkenden Sicherheitsmaßnahmen der Pandemie-Bekämpfung wie Abstandsregeln und Maskenpflicht. Ein weiterer Lockdown wäre eine wirtschaftliche Katastrophe. Kein Wunder, dass sich die Stimmung unter den Dienstleistern gemäß der Umfrage von IHS Markit im September deutlich eingetrübt hat. Trotz einer besseren Stimmung in der Industrie ging daher der umfassende Composite Index von 51,9 auf 50,1 Punkte zurück. Corona und seine Folgen sind noch lange nicht ausgestanden. Auch die Stimmung der deutschen Einkaufmanager war im September zweigeteilt. Während die Messzahl im lange Zeit kriselnden verarbeitenden Gewerbe deutlich zulegte, sank das Stimmungsbarometer der Dienstleister unter die Expansionsmarke von 50 Indexpunkten. In der Summe ging der Composite-Index von 54,4 auf 53,7 Punkte leicht zurück. Das merkliche Stimmungsplus in der Industrie ist gemäß IHS Markit auf ein…

Deutsche Sparquote schießt in Q2 auf über 20 Prozent

In„Normalzeiten“ folgt die Sparquote privater Haushalte in Deutschland einem saisonalen Muster: Im ersten Quartal – nach Weihnachten und vor der Urlaubssaison – legen die Bürger mit durchschnittlich gut 14 Prozent einen hohen Teil ihres Einkommens auf die hohe Kante, während die Sparrate in den nachfolgenden Quartalen mit rund 9 bis 10 Prozent deutlich niedriger ausfällt. Als Folge der Corona-Krise wird das übliche Muster in diesem Jahr jedoch ordentlich durcheinandergewirbelt. Bereits im ersten Quartal fiel die Sparquote mit 16,5 Prozent deutlich höher aus als in den Vorjahren und im zweiten Quartal schoss sie gar auf 20,1 Prozent. Die Gründe hierfür liegen in der Angst vor Einkommenseinbußen durch Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit, an Lockdown und Reisebeschränkungen, die vor allem in der ersten Hälfte des zweiten Quartals den privaten Verbrauch massiv behinderten, sowie an der Ende des zweiten Quartals für die zweite Jahreshälfte angekündigten Mehrwertsteuersenkung. Dass die Sparquote dermaßen stark anstieg, hängt aber auch…

Brexit: Vorteile eines Handelsabkommens müssen deutlich werden

In den Freihandelsgesprächen zwischen Großbritannien und der EU herrscht schon seit Monaten Stillstand, seit letzter Woche haben sie aber einen neuen Tiefpunkt erreicht. Das Brexit-Drama ist zurück. Erneut scheint wieder alles auf einen No-deal Brexit hinauszulaufen, der die britischen Handelsbeziehungen mit der EU ungeregelt auf WTO-Niveau zurückwerfen würde. Die wirtschaftlichen Verluste, die dann für Großbritannien zu erwarten wären, scheinen in der politischen Kalkulation von Boris Johnson keine große Rolle zu spielen. Oder sind sie nur nicht hoch genug im Vergleich zu den Wohlstandseinbußen, die auch beim erfolgreichen Abschluss eines Freihandelsabkommens zu befürchten wären? Tatsache ist: Durch den Binnenmarktaustritt Großbritanniens werden im Handel mit der EU wieder zahlreiche Barrieren entstehen, die lange beseitigt waren. Einige dieser Handelshürden könnten mit einem Freihandelsabkommen vermieden werden, vor allem die Wiedereinführung von Importzöllen. Viele nicht-tarifäre Handelshemmnisse dürften dagegen auch unter einem Freihandelsabkommen auftreten, Grenzkontrollen beispielsweise zur Überprüfung von Qualitätsstandards oder Marktzugangsbeschränkungen für Dienstleistungsbetriebe, wie für…