Sind europäische Banken nach dem Kursrückgang günstig bewertet?

Durch den jüngsten signifikanten Kursrückgang hat sich die Bewertung des europäischen Bankensektor gemessen am Kurs-Buchwertverhältnis (KBV) auf 0,4 gegenüber unserem letzten Blog im Mai (0,8) halbiert. Relativ zum Gesamtmarkt beträgt die Unterbewertung des Bankensektors derzeit auf Basis des KBV 55% (Mai 35%) und auf Basis des KGV 12% (Mai 11%).

Der Bewertungsrückgang resultiert aus der Eskalation der EU-Schuldenkrise. Ein signifikanter Schuldenschnitt bei griechischen Staatsanleihen führt isoliert betrachtet zu keinem Eigenkapitalproblem bei europäischen (außer griechischen) Banken. Die im Markt diskutierten Ausfallszenarien bezüglich größerer Euro-Länder (Italien, Spanien) verändern das Bild jedoch dramatisch. Durch das substanzielle Volumen dieser Assets in den Bankbilanzen führen potenzielle Wertberichtigungen schnell zur Aufzehrung des Eigenkapitals der Banken. Zudem entsteht aus der EU-Schuldenkrise ein deutlicher Vertrauensverlust, sowohl innerhalb als auch gegenüber dem Sektor. Hieraus wiederum resultieren Probleme auf der Refinanzierungsseite der Banken, die im günstigsten Fall zu Ergebnisrückgängen und im schlechtesten Fall zur Illiquidität führen können.

Darüber hinaus steht wegen der Veränderungen im regulatorischen Umfeld (Basel 3) und der damit einhergehenden erhöhten Kapitalanforderungen die Gewinnthesaurierung bei den Banken im Fokus. Somit steigern potenziell reduzierte Gewinne (auf Grund erhöhter Wertberichtigungen) das Risiko bezüglich notwendiger Kapitalmaßnahmen.

Eine Stabilisierung bzw. Deeskalation der EU-Schuldenkrise sollte entsprechend zu einer Normalisierung der Bewertungsrelationen führen. Vor dem Hintergrund, dass wir nicht mit einem Default bei den größeren europäischen Ländern rechnen, scheint die aktuelle Bewertung des Bankensektors, selbst unter Betrachtung der Risikoprämie, nicht mehr teuer zu sein.

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2 Kommentare

Sie haben zu wenig die bankenfeindliche Einstellung der Bevölkerung und der Politiker berücksichtigt. Diese, und die zu recht bezweifelte Fähigkeit in den Kreditinstituten die Eigenhändler (Investmentbanker) „an die Kandarre“ zu nehmen, funktionierende „Wachhunde“ zur Risikoabwehr zu installieren und eine Kultur der Seriosität zu etablieren, werden eine Bewertung der Bankaktien auf Dauer niedriger halten, als wir es bisher kannten.

Enrico Liebich

Ich schließe mich an die Aussagen von Claus an. Ich sehe persönlich einen weiteren gewichtigen Hemmschuh für eine dauerhafte Kurserholung der Banktitel: die immense Regulierung(-swut) der Staaten. Dabei möchte ich keine Bewertung dieses Vorhabens abgeben. Es gibt gerade in Deutschland jedoch traurige Erscheinungen auf diesem Gebiet, angefangen mit der dt. Telekom und aktuell unsere großen Versorger RWE und EON. Drei Aktientitel mit einer tollen Bewertung, die meines Erachtens in naher Zukunnft nicht auf der Fokusliste der Investoren stehen dürften. Die Telekom steht ja bereits seit Jahren eher im Abseits des Kundeninteresses.
Fazit: ich denke daß derzeit nur Trader in den Banktiteln aktiv sein werden. Investoren dürften sich aus o.g. Grund eher fernhalten, bis entweder die Politik sich aus der Privatwirtschaft heraushält oder ein attraktives nachhaltiges Geschäftsmodell der Banken sichtbar werden wird.

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