Peking leitet konjunkturpolitische Wende ein

Die jüngsten Wirtschaftsdaten aus China haben für Beunruhigung gesorgt – nicht nur an den internationalen Finanzmärkten, sondern auch in Peking selbst: Die Einkaufsmanagerindizes sind zuletzt deutlich unter die 50-Punkte-Marke gefallen, die Immobilienpreise beginnen zu sinken und die Auslandsaufträge sind Umfragen zufolge auf den niedrigsten Stand seit knapp drei Jahren zurückgegangen. Besorgniserregend finden wir das Niveau der aktuellen Indikatoren allerdings noch nicht: Seit geraumer Zeit prognostizieren wir eine deutliche Abkühlung der chinesischen Wirtschaft, wobei wir von einer Kehrtwende im Immobilien- und Bausektor ausgehen, wo sich die straffere Geldpolitik besonders bemerkbar machen dürfte.

Allerdings müssen dafür am Immobilienmarkt wenigsten vorübergehend auch leichte Preis- und Umsatzrückgänge in Kauf genommen werden. Die Belastungen der Exportkonjunktur Chinas durch den weltweiten Konjunkturabschwung und durch die Aufwertung des Yuan halten sich bislang ebenfalls in den von uns erwarteten Grenzen. Wir rechnen im laufenden Winterhalbjahr nur noch mit einem BIP-Wachstum von rund 8 Prozent – nach unseren Modellschätzungen deckt sich diese Einschätzung etwa mit dem aktuellen Rückgang des Einkaufsmanagerindexes.

Sicherlich ist der beschleunigte Trend, mit dem sich die Indikatoren zuletzt verschlechtert haben, durchaus kritisch zu sehen, wenngleich er bislang noch mitnichten mit dem Absturz zu vergleichen ist, den wir vor drei Jahren gesehen haben. Erst kürzlich haben wir in einem Konjunkturbeitrag zu China gemutmaßt, ob es Peking wohl lange „aushält“, den aktuellen Abschwung, den wir zumindest teilweise als durchaus notwendig und gesund erachten, tatenlos zuzulassen. Inzwischen ist klar, dass Peking bereits in den Startlöchern steht, wieder konjunkturpolitisch gegenzusteuern. Die jüngste Senkung der Mindestreserveanforderungen mag zwar noch im Kontext der konzertierten Notenbankenaktion zu sehen sein. Die Konjunktursorgen, die von offizieller Seite verlautbart werden, lassen aber vermuten, dass dies wohl nicht der letzte Schritt gewesen ist.

Wir fänden ein solches Eingreifen angesichts der Schieflagen, die Peking durch die Stimuli während der letzten Wirtschaftskrise erzeugt hat, aber durchaus problematisch. Fiskalpolitisch könnte ohnehin nur noch die Zentralregierung aktiv werden, da die Provinzen durch ihren hohen Beitrag an den Infrastrukturprojekten inzwischen heillos überschuldet sind. Geldpolitisch besteht zwar aufgrund der deutlichen Straffung während der letzten zwei Jahre ein größerer Spielraum. Ein erneuter Schub bei der Kreditvergabe würde aber nicht nur die Inflationsrisiken weiter erhöhen, sondern auch die Gefahren künftiger Kreditausfälle, die jetzt schon erheblich sind. Zinssenkungen hingegen würden den Immobilienmarkt, den man während der letzten Monate gerade mühsam abgekühlt hat, erneut anfachen, wodurch das Risiko einer umso schärferen Korrektur zu einem späteren Zeitpunkt deutlich steigt.

Die Politik der vergangenen zwei Jahre, Konjunktur und Immobilienmarkt abzukühlen, ohne einen Absturz auszulösen, war eine Gratwanderung. Nun droht ein neuer Balanceakt: Den Abschwung der Wirtschaft abzumildern, ohne das bislang durchaus erfolgreiche „soft landing“ zunichte zu machen. Allerdings verringern sich so lediglich die Konjunkturrisiken in China für die kürzere Frist – längerfristig könnten sie aber umso deutlicher ansteigen.

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