AAA-Rating Deutschlands in Gefahr

Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) hat gestern Abend die Langfristratings von 15 Staaten der Eurozone, darunter auch Deutschland, mit einem negativen Ausblick („CreditWatch with negative Implications“) versehen. S&P kündigte an, „sobald wie möglich nach dem EU-Gipfel vom 8. und 9. Dezember“ entscheiden zu wollen, ob es zu einer Herabstufung kommen wird. Wäre das der Fall, würden die Ratings der AAA-Staaten Deutschland, Österreich, Niederlande und Luxemburg sowie Belgien (AA) „um bis zu eine Stufe“, die Ratings der anderen Länder „um bis zu zwei Stufen“ gesenkt werden. Nicht betroffen sind Griechenland und Zypern.

Als wesentliche Gründe für diese Maßnahme werden angeführt:

  • verschärfte Kreditkonditionen in der Eurozone
  • deutliche höhere Risikoprämien bei einer wachsenden Anzahl von EWU-Staaten, darunter auch solchen, die gegenwärtig mit AAA eingestuft werden
  • die anhaltende Uneinigkeit zwischen den politischen Entscheidungsträgern, wie der aktuellen Vertrauenskrise zu begegnen ist und wie längerfristig eine größere Konvergenz bei Wirtschaft, Finanzen und Fiskalpolitik erreicht werden kann
  • das hohe Verschuldungsniveau der öffentlichen und privaten Haushalte in vielen EWU-Staaten
  • das gestiegene Risiko einer Rezession in der Eurozone für das gesamte Jahr 2012

Was in den kommenden Tagen geschehen muss, damit die Herabstufungen vermieden werden können, bleibt bis auf weiteres unklar. So unternehmen die Notenbanken schon bisher ihr Möglichstes, um eine weitere Verschärfung der Kreditkonditionen zu verhindern. Auch wird die Maßnahme von S&P sicherlich nicht dazu beitragen, dass die Risikoprämien an den Märkten sinken – im Gegenteil. Nachdem die Finanzmärkte in den vergangenen Tagen gerade ein wenig zur Ruhe gekommen waren, gießt Standard & Poor’s hiermit nun wieder Öl ins Feuer. Das hohe Verschuldungsniveau in vielen Staaten kann ebenfalls nicht über Nacht gesenkt werden. Dass gerade in den Peripheriestaaten in diesem Punkt weitreichende Maßnahmen ergriffen worden sind und weitere sehr ernsthaft diskutiert werden, und dass auch in den bisherigen AAA-Staaten die Zeit der Sorglosigkeit vorbei zu sein scheint, wird von S&P kaum zur Kenntnis genommen. Eine für 2012 drohende Rezession ist allenfalls ein schwaches Argument – schließlich sollte ein Rating durch konjunkturelle Schwankungen nicht beeinflusst werden.

Damit dient die Maßnahme wohl vor allem dazu, den politischen Entscheidungsträgern den Ernst der Lage noch einmal drastisch vor Augen zu führen. So wäre das ansonsten sehr fragwürdige Timing vielleicht auch zu erklären. Was allerdings nach Ansicht von S&P auf dem Gipfel passieren müsste, damit die Herabstufungen vermieden werden können, bleibt unklar. Unseres Erachtens muss es auf jeden Fall zu einer einheitlichen, von einem breiten Konsens getragenen Strategie zur kurzfristigen Krisenbekämpfung und längerfristigen Verbesserung von Stabilität und Wachstumsbedingungen kommen.

Ein stärkeres Bekenntnis zu einer Sozialisierung der Verbindlichkeiten (Eurobonds) kann von S&P eigentlich ebenso wenig intendiert sein wie eine noch aktivere Rolle der Europäischen Zentralbank beim Ankauf von Staatsanleihen der schwächeren Länder. Beide Maßnahmen könnten die Märkte zwar temporär beruhigen und würden für die schwächeren Länder eine Entlastung bringen, dürften aber kaum dafür geeignet sein, das Rating der AAA-Staaten unangetastet zu lassen.

Generell bleibt aber, gerade vor dem Hintergrund der Diskussion um Macht und Einfluss der Ratingagenturen, die Frage, ob es ihre Aufgabe sein sollte, Druck auf die politischen Entscheidungsträger auszuüben. Ein Abwarten der Gipfelergebnisse wäre an dieser Stelle besser gewesen.

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4 Kommentare

Christian Neubauer

Hallo Herr Bielmeier,
ich mag Ihren Blog und die Art und Weise, wie Sie Themen auswählen und kommentieren. An der ein oder anderen Stelle würde ich mir sogar ein etwas deutlicheres Statement (Ihre Meinung, kein Research-Statement) wünschen.

Trotzdem frage ich mich, wieso Sie in Ihrem Blog so selten Fragen stellen oder Lesern des Blogs die Möglichkeit geben, sich einzubringen. Woran liegt das?

Gruß, Christian Neubauer

DZ BANK Research

Vielen Dank für das positive Feedback zu Bielmeiers Blog. Es ist das Ziel von Bielmeiers Blog, über die DZ BANK Research-Meinung zu informieren und aktuelle Entwicklungen zu kommentieren. Die Leser von Bielmeiers Blog sind immer willkommen, sich mit Kommentaren einzubringen.

Guten Abend, Herr Bielmeier und dem Team,
ja, ich schliesse mich der Anregung von Herrn Neubauer nach noch schärferem Meinungsprofil an. Und würde einen noch grösseren Mehrwert ersehen, wenn z.B. in einem Blogbeitrag zum Thema Aktienmärkte nicht nur bevorzugte Branchen erwähnt, sondern auch zwei, drei einzelne empfehlenswerte Aktien aus diesen Branchen, werden. Keine Angst vor den ewig mahnenden Hausjuristen!

DZ BANK Research

Vielen Dank für Ihre Anregungen, die wir in dieser Form jedoch nicht umsetzen können. Wir informieren in Bielmeiers Blog zu aktuellen Marktentwicklungen und Prognosen. Eine ausgiebige INDIVIDUELLE Kundenberatung auf Basis von Einzelwertempfehlungen ist im Rahmen eines ÖFFENTLICHEN Blogs nicht möglich. Für konkrete Empfehlungen wenden Sie sich bitte an die Kundenberater der Volksbanken und Raiffeisenbanken vor Ort.

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