Nach der Krise ist vor der Krise

Eine lange Nacht der Verhandlungen ist vorüber, und die Euro-Finanzminister haben es endlich geschafft, das zweite Rettungspaket für Griechenland auf den Weg zu bringen. Aber bevor die Tinte unter der neuesten Einigung überhaupt trocken ist, wird bereits deutliche Kritik laut – vor allem, dass der Großteil der 130 Mrd. EUR für Griechenland zur Schuldentilgung und (hoffentlich) zur Reduzierung der Staatsschuldenquote auf immer noch stattliche 121% des BIP (bis 2020) verwendet werden soll. Zu wenig würde zur Stärkung der griechischen Wirtschaft unternommen, zu wenig, um die dringend benötigten Investitionen anzukurbeln, so die Kritiker. Nach ihrer Meinung sollte die EU ihre Verluste begrenzen (d.h. einen Ausfall Griechenlands, der von vielen als unvermeidlich angesehen wird, akzeptieren) und einen Marshallplan auflegen, anstatt die Misere immer weiter zu verschleppen.

Ob die Kritik nun gerechtfertigt ist oder nicht, wird die Zeit zeigen. Dass diese heftige Kritik allerdings unmittelbar nach den bis in den frühen Morgen andauernden Verhandlungen (und einem wochenlangen Kampf um eine Lösung) aufkommt, ist besorgniserregend. Viel wird davon abhängen, ob die EU in der Lage ist, glaubwürdige Lösungen für die griechische Tragödie zu präsentieren – unausgegorene Lösungen, die bei den Marktteilnehmern lediglich den Eindruck einer weiteren Verschleppung der Probleme erwecken, stellen wahrscheinlich sogar eine größere Gefahr dar als das Eingeständnis, dass die alten Lösungsmethoden nicht mehr greifen. Zwar mag ein „Durchwursteln“ bei einem Land wie Griechenland noch funktionieren. Sollten die Sorgen um Italien und Spanien aber wiederkehren, stellt das „Durchwursteln“ aber sicherlich keinen gangbaren Lösungsweg dar.

Vor diesem Hintergrund ist es keine Überraschung, dass der Euro von den jüngsten Entwicklungen kaum profitieren konnte. Der Anstieg auf das Hoch von 1,3293 USD war kurz und eine nachhaltige Aufwärtsdynamik hat sich (bisher) nicht eingestellt. Spekulative Investoren sind weiterhin in erheblichem Umfang Euro-Short positioniert und haben ihre Positionierung jüngst sogar weiter ausgebaut – dies zeigt einmal mehr deren Überzeugung, dass die Reise für den Euro nur abwärts gehen kann. Sicher, eine rasche Auflösung von Short-Positionen bleibt ein großes Risiko; aber wenn die Beschlüsse der letzten Nacht nicht ausgereicht haben, um die Investoren dazu zu bringen, ihre Positionen glatt zu stellen, was dann?

Jetzt gilt erst einmal erneut abzuwarten, was kommt… frühestens gegen Ende des Monats werden wir erfahren, ob die Anzahl der teilnehmenden Investoren an der Privatsektorbeteiligung groß genug ist. Außerdem muss der EU-Gipfel am 1. und 2. März zeigen, inwieweit den Bedingungen des IWF zur Aufstockung der finanziellen Ressourcen des ESM entsprochen werden kann. Solange diese Unsicherheiten andauern (ganz zu schweigen von der Frage, ob Griechenland in der Lage sein wird, die Zusagen einzuhalten), besteht wenig Hoffnung auf eine zeitnahe Lösung der Krise. Demnach sollte der Euro auf absehbare Zeit in seinem aktuellen Schwebezustand verharren.

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