Euro zwischen Krisenimmunität und Rettungsmüdigkeit

Angesichts der wieder zunehmenden Spannungen in der Eurozone müssen wir dem Euro eine bemerkenswerte Stabilität attestieren. Die wieder deutlich gestiegenen Risikoaufschläge für spanische Staatsanleihen, die politische Unsicherheit im Umfeld der Präsidentschaftswahlen in Frankreich sowie die Regierungskrise in den Niederlanden, die damit verknüpften Zweifel am künftigen Fiskalsparkurs und, daraus abgeleitet, die Drohung der Ratingagenturen bezüglich weiterer Herabstufungen… all dies ist auf den Euro in den letzten Wochen eingeprasselt und hat ihn dennoch nicht zu einem Ausbruch aus seiner Handelsspanne zwischen 1,2975 USD und 1,3490 USD animieren können, geschweige denn zu einem nachhaltigen Kursrutsch. Auf der anderen Seite ist allerdings auch die Euphorie vom Februar über die „Dicke Bertha“ der EZB (Liquiditätsflutung durch Langfristtender) und die Einigung auf den europäischen Fiskalpakt schnell wieder verflogen gewesen. Auch überraschend gute Konjunkturdaten aus Deutschland oder die Mittelaufstockung des IWF gehen spurlos vorüber. Der Euro scheint derzeit also weder für die Eskalation von Krisen noch für deren Lösung empfänglich zu sein.
Diese gegenwärtige Lethargie ist natürlich kein Garant dafür, dass es auch weiterhin so bleibt. Vor allem die politischen Risiken in der Eurozone könnten dem Euro in den kommenden Wochen ein Bein stellen. Ein Sieg von Präsidentschaftsanwärter Hollande bei den Stichwahlen in Frankreich in zwei Wochen gilt inzwischen als relativ sicher. Teil seines Wahlkampfes war harsche Kritik am Fiskalpakt und das Wahlversprechen, diesen neu zu verhandeln. Die bisher von den Finanzmärkten als Garant für strenge Haushaltsdisziplin gewertete Achse Merkel-Sarkozy wäre Vergangenheit. Auch aus den Niederlanden erfährt der strikte Sparkurs zur Rettung Europas Gegenwind. Die mangelnde Einigkeit in Budgetfragen hat die Regierung zerbrechen und Neuwahlen für September ausrufen lassen. Bei den Wahlen in Griechenland sieht es aufgrund der zersplitterten Parteienlandschaft nicht nach einer regierungsfähigen Mehrheit aus, geschweige denn nach einer Mehrheit, die den Sparkurs voranbringen könnte. Übrigens finden sowohl die französischen als auch die griechischen Wahlen sowie die Landtagswahlen in Schleswig-Holstein alle am 6. Mai statt. Der Zusammenhang zwischen Euro-Wechselkurs und deutschen Landtagswahlen mag zunächst an den Haaren herbeigezogen wirken; allerdings könnten internationale Investoren den Verlust der schwarz-gelben Mehrheit in Schleswig-Holstein als Misstrauensvotum der deutschen Bevölkerung gegenüber dem Euro-Rettungspfad der Bundesregierung (fehl-)interpretieren. In Kombination mit der Entwicklung in Frankreich und den Niederlanden also ein weiteres Indiz dafür, dass der politische Wind in Europa dreht. Um die Liste der politischen Risiken zu vervollständigen, sei abschließend noch auf das Euro-Referendum in Irland am 31. Mai verwiesen. Es wird sich zeigen, ob der Euro die in den vergangenen Wochen an den Tag gelegte Lässigkeit beibehalten kann.

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