Hoffnung und Realität an den Aktienmärkten

Es herrscht Berichtssaison an den europäischen Aktienmärkten und die Kurse sind in den letzten Wochen kräftig angestiegen. Daraus zu schließen, dass die Quartalsberichte überraschend gut und die Unternehmensergebnisse überraschend positiv gewesen wären, ginge jedoch an der Realität vorbei.

Tatsächlich fielen die Berichte bisher, nachdem etwa zwei Drittel der Unternehmen aus DAX und Euro Stoxx 50 berichtet haben, eher durchwachsen aus. Während die DAX-Gesellschaften ihre Umsätze gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal noch um 9,2% (Euro Stoxx 50: +3,2%) steigern konnten, steht auf der Gewinnseite im Durchschnitt eine „rote Null“ (-0,7%), im Euro Stoxx 50 sogar ein deutlicheres Minus von 8,9%.

Darüber hinaus gibt es von volkswirtschaftlicher Seite eher Hinweise darauf, dass sich die Gewinndynamik in den nächsten Quartalen noch verschlechtern könnte. So deuten aktuell die Einkaufsmanagerindizes aus China und anderen asiatischen Volkswirtschaften eine deutliche Verlangsamung der Dynamik im Welthandel an und bilden erste Anzeichen dafür, dass die europäische Schuldenkrise nicht spurlos an den bis dato stark wachsenden Volkswirtschaften vorbeigehen wird. Auch die heimischen Konjunkturindikatoren wie der ifo-Index oder der DZ BANK Euro-Indikator signalisieren aktuell, dass sich die Eurozone in der Rezession und Deutschland allenfalls in einem wenig dynamischen Wachstumsumfeld befinden.

Zwar decken sich diese Beobachtungen mit der Konsenserwartung, dass die Unternehmensgewinne sowohl im DAX als auch im Euro Stoxx 50 im Gesamtjahr 2012 stagnieren werden, jedoch erscheinen die noch immer erwarteten Gewinnzuwächse für das Jahr 2013 von derzeit zehn Prozent im DAX und elf Prozent im Euro Stoxx 50 vor dem Hintergrund sich eintrübender wirtschaftlicher Aussichten zunehmend unrealistisch.

Revisionsbedürftige Gewinnschätzungen und sich spürbar eintrübende Konjunkturaussichten ließen unter normalen Umständen fallende Kurse erwarten. Dass aktuell trotzdem steigende Notierungen zu beobachten sind, zeigt, wie sehr das Kursgeschehen derzeit von der Erwartung bzw. Hoffnung auf ein massives Eingreifen der EZB bestimmt wird. Tatsächlich deutet die politische Rhetorik der letzten Tage auf ein solches Ereignis hin, so dass selbst ein weiterer Anstieg der Aktienindizes im Zuge dessen nicht unwahrscheinlich ist.

Dies ändert jedoch nichts an unserer grundsätzlichen Einschätzung: Ein Eingriff der EZB wird die Krise nicht lösen, sondern allenfalls Zeit kaufen. Ob die Politik diese Zeit nutzt, ist ungewiss und vor dem Hintergrund der Erfahrungen der letzten Jahre sogar zu bezweifeln. Je höher die Notierungen von DAX und Euro Stoxx 50 zwischenzeitlich ansteigen und je stärker sich das weltwirtschaftliche Wachstum parallel dazu abschwächt, desto größer scheint das Rückschlagspotenzial für die Märkte. Ein Auslöser dafür könnte die folgende Berichtssaison zum dritten Quartal sein, wenn sich die Abkühlung der Wirtschaft tatsächlich auch in Form sinkender und nicht nur stagnierender Gewinne zeigen könnte.

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