Notenbanken auf heikler Mission

Die amerikanische Notenbank (Fed) hat gestern Abend eine weitere Runde außerordentlicher geldpolitischer Maßnahmen („QE3“) angekündigt. So will die Zentralbank monatlich hypothekenbesicherte Anleihen im Wert von 40 Mrd. USD ankaufen, bis sich der Ausblick am Arbeitsmarkt verbessert habe. Außerdem soll der Leitzins nach Angaben der US-Zentralbank bis 2015 nicht angehoben werden. Die Fed strebe damit ein „Wachstum auf breiter Basis an“, so Fed-Chef Bernanke. Außerdem sei es für die US-Wirtschaft wichtig, die anhaltende Diskussion über bevorstehende Einsparungen in der US-Fiskalpolitik („fiscal cliff“) so bald wie möglich zu beenden und die damit einhergehende Unsicherheit zu beseitigen.

Nicht nur in den USA, auch in anderen Ländern hat sich die Wirtschaft seit dem Lehman-Schock nicht wie gewünscht erholt. Die in der folgenden Rezession aufgelegten Konjunkturpakete sind weitgehend ausgelaufen, ohne einen selbsttragenden Aufschwung hervorgebracht zu haben, und eine erneute, massive fiskalpolitische Stimulierung verbietet sich angesichts der vielfach desolaten Situation der öffentlichen Haushalte.

Damit sieht sich die Geldpolitik in der Pflicht, das zarte Pflänzchen Konjunktur zu hegen und zu pflegen. Angesichts der Tatsache, dass die großen Notenbanken mit Leitzinsen von nahe Null ihr Pulver in der Leitzinspolitik weitgehend verschossen haben, hat sich ihr geldpolitischer Spielraum allerdings drastisch reduziert. An die Seite der Leitzinspolitik ist in den letzten Jahren daher die „quantitative Lockerung“ getreten. Eine Ausprägung der quantitativen Lockerung ist der Ankauf von Wertpapieren. Die Bank of Japan (BoJ) betreibt das schon seit vielen Jahren – bislang allerdings ohne durchgreifenden Erfolg. Die Bank of England (BoE) hält inzwischen hohe Bestände an britischen Staatsanleihen, und mit dem QE3 der Fed setzt auch die US-Notenbank diese Politik fort. Das bedeutet, dass nun die großen Notenbanken ihre Bilanz zur Verfügung stellen, nachdem die staatlichen Bilanzen ausgereizt wurden. Ein wesentlicher Zweck dieser Maßnahmen liegt darin, auch die Renditen im längeren Laufzeitensegment nach unten zu treiben (oder unten zu halten), um so Konsum und Investitionen zu erleichtern und die Konjunktur weiter zu stimulieren.

Zwar gelingt die Dämpfung der Renditen recht eindrucksvoll. So liegen die realen Renditen in Großbritannien, den USA (und auch in Deutschland) im negativen Bereich. Die Stimulierung der Konjunktur jedoch will gerade in den USA und in Großbritannien nicht so recht gelingen. Der wesentliche Grund hierfür liegt in der Tatsache, dass nicht nur der öffentliche Sektor hoch verschuldet ist, sondern dass auch die privaten Haushalte und der Bankensektor gezwungen sind, „ihren Leverage zu reduzieren“, das heißt, ihre Schulden abzubauen.

Zwar impliziert die gegenwärtige Geldpolitik bislang keine direkten Inflationsgefahren. Längerfristig bauen sich aber erneute Ungleichgewichte auf, der Keim für zukünftige Inflation ist gelegt. Das wird die Zentralbanken ab einem gewissen Punkt zu einem entschlossenen Gegensteuern zwingen. Dieses Gegensteuern muss dann eventuell zur Unzeit vollzogen werden und kann die Weltkonjunktur wieder aus dem Tritt bringen. Bleibt dieses Umsteuern aus, wird man sich rückblickend fragen, warum man es wiederum zugelassen hat, Ungleichgewichte aufzubauen und dieser Entwicklung nicht früher Einhalt geboten wurde.

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