Olympia macht’s möglich: Nur vorübergehender Wachstumsschub in Großbritannien

Erfreuliche Nachrichten aus London: Dort vermeldete das Office for National Statistics (ONS) ein beachtliches Wachstum der britischen Wirtschaftsleistung von 1 Prozent im abgelaufenen dritten Quartal gegenüber den Frühjahrsmonaten. Das ist die mit Abstand höchste vierteljährliche Zuwachsrate in Großbritannien seit rund fünf Jahren. Auch hat der Anstieg den deutlichen Leistungsrückgang der vergangenen drei Quartale vollständig wettgemacht, womit das BIP-Niveau vom Sommer 2011 wieder fast erreicht werden konnte. Die Jahreswachstumsrate konnte mit einer „roten Null“ den negativen Bereich aber nicht ganz verlassen.

Der nun veröffentlichte Q3-Wert hat die ohnehin schon recht optimistischen Erwartungen des Marktes und auch unsere eigene Prognose nochmals leicht übertroffen. Dennoch wäre es verfrüht, diese Wachstumsüberraschung zum Anlass zu nehmen, das Ende der Rezession in Großbritannien auszurufen – oder möglicherweise sogar das Ende der konjunkturellen Schwächephase auf den britischen Inseln. Leider kann davon mitnichten die Rede sein. Vielmehr sind die Wachstumszahlen im letzten Quartal, aber auch im vorangegangenen zweiten Vierteljahr, stark durch gleich mehrere Sondereffekte verzerrt worden: Während im Frühjahr ein zusätzlicher Feiertag schätzungsweise 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte Wachstum gekostet hat, konnte die Wirtschaft in den Sommermonaten umgekehrt von deutlichen Nachholeffekten profitieren. Außerdem hat sich die Austragung der Olympischen Spiele, die hauptsächlich im August stattfanden, sichtbar wachstumsfördernd ausgewirkt. „Endlich“ möchte man fast sagen, denn anders als in den meisten anderen Austragungsländern hatten die Vorbereitungen auf die Olympiade in London die britische Konjunktur bis dato nahezu unbeeindruckt gelassen. Im vergangenen Quartal hat nun aber vor allem der öffentliche Sektor fast die Hälfte zum gesamten Wachstum beigetragen. Wichtigste Faktoren waren hierbei wohl der hohe organisatorische, insbesondere der enorme Sicherheitsaufwand rund um die Spiele, sowie der Verkauf der Eintrittkarten, der laut ONS vollständig dem dritten Quartal zugerechnet wurde. Ebenfalls einen hohen Wachstumsbeitrag hat das Hotel- und Gaststättengewerbe leisten können, wo sich der Olympia-Tourismus bemerkbar gemacht haben dürfte.

Es ist aber zu befürchten, dass nach der „Wachstumsparty“ im Sommer der „Kater“ nicht lange auf sich warten lässt: Bereits für das laufende Schlussquartal dieses Jahres gehen wir wieder von einer leicht sinkenden Wirtschaftsleistung aus. Darauf deuten auch zahlreiche Frühindikatoren, wie beispielsweise der nach wie vor relativ schwache Einkaufsmanagerindex oder auch die zuletzt wieder stärker gesunkenen Industrieorders hin. Die öffentliche Hand wird nach den hohen Ausgaben in den kommenden Monaten wieder deutlich auf die Sparbremse treten müssen. Schatzkanzler Osborne hat bereits einen zusätzlichen Einsparbedarf von rund 10 Mrd. Pfund für die kommenden Jahre ermittelt, der nötig wäre, um an den aktuellen Konsolidierungszielen festhalten zu können. Und im Exportsektor, der noch in den Sommermonaten stark von den Sondereffekten profitieren konnte, ist ebenfalls mit einer deutlichen Gegenbewegung zu rechnen. Hier wird sich die schwache Konjunktur in der EWU, wohin rund die Hälfte der britischen Ausfuhren geht, auch noch länger belastend auswirken. Unserer Ansicht nach dürfte die britische Konjunkturentwicklung daher auch in den kommenden Quartalen eher schleppend verlaufen – große Sprünge sind auf jeden Fall nicht zu erwarten.

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