Abwertungswettlauf: Mythos und Realität

Egal, wie man es nennt: „Währungskrieg“, „kompetitive Abwertung“, „Abwertungswettlauf“ oder „Wechselkursmanipulation“, die Aufmerksamkeit für Fragen der Währungspolitik hat jüngst explosionsartig zugenommen. Die Prüfung der harten Fakten ergibt ein Bild jenseits der Wahrnehmung, die derzeit mehrheitlich an den Finanzmärkten herrscht. Unserer Einschätzung nach fehlt es für einen Währungskrieg sowohl an den Merkmalen unangemessener Wechselkursbewegungen als auch an geldpolitischer Lockerung, die rein währungspolitisch motiviert wäre. Darüber hinaus lässt sich zeigen, dass weder die Eurozone noch die USA und letztlich nicht einmal Japan Interesse an einem Abwertungswettlauf haben sollten. Eine schwächere Währung als Allheilmittel für Konjunktur und Deflation zu sehen, verkennt wichtige volkswirtschaftliche Zusammenhänge.

Die Kursverluste des Yen machen Schlagzeilen. Dessen Abwertung mag politisch gewollt und in ihrer Dynamik besorgniserregend sein. Allerdings handelt es sich bislang um eine längst überfällige Korrektur einer über lange Zeit zu hoch bewerteten Währung. Auch wenn der makroökonomische Paradigmenwechsel in Japan einschneidend ist und als Auslöser der Trendwende im Yen gelten kann, sind die Gründe für die Yen-Schwäche zu vielschichtig, als dass man eine rein politische Motivation unterstellen sollte.

Auch der geldpolitische Vergleich der G4-Länder zeigt keine Exzesse, die auf einen Währungskrieg hindeuten würden. Dass die globale Liquiditätsversorgung ausgesprochen expansiv ist, steht ebenso außer Frage wie die Notwendigkeit einer glaubwürdigen Exit-Strategie. Falls neben der Stabilisierung der Finanzmärkte, Konjunkturförderung und Deflationsbekämpfung jetzt auch noch der Wechselkurs in die geldpolitische Entscheidungsfunktion einfließen würde, würde sich die Frage nach dem richtigen Exit-Zeitpunkt weiter verkomplizieren. Die intensive politische Einflussnahme auf Japans Notenbank muss dagegen im Auge behalten werden und dient hoffentlich nicht als schlechtes Vorbild für andere Länder.

In der gegenwärtigen Diskussion wird die Kausalkette zwischen Wechselkurs und Geldpolitik gerne umgekehrt. Wir legen Wert darauf, dass es immer noch die Geldpolitik ist, die den Wechselkurs beeinflusst, und nicht umgekehrt die Steuerung des Wechselkurses zur Zielgröße der Notenbanken geworden ist. Geldpolitische Unterschiede (=Zinsdifferenzen) als Einflussfaktor zur Wechselkursfindung heranzuziehen, ist eher „alte volkswirtschaftliche Schule“ als Ausdruck eines neu aufziehenden Währungskriegs.

Während von der EZB wenig zu erwarten ist, dürfte die Gegenwehr von politischer Seite mit jedem Cent größer werden, den der Euro aufwertet. Die Schuldenkrise als dominierendes Thema der letzten Jahre rückt immer weiter in den Hintergrund, so dass die kommenden großen Gipfeltreffen Wechselkursfragen in den Mittelpunkt stellen können. Nächster Meilenstein dürfte hier das G20-Treffen am 15./16. Februar in Moskau sein.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 0

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *