Chinesischer Geldmarkt läuft aus dem Ruder

Der dramatische Anstieg der Interbankensätze am chinesischen Geldmarkt in der vergangenen Woche hat vielen Anlegern die Sorgenfalten auf die Stirn getrieben – erinnerte er doch an die weltweiten Geldmarkt-Verwerfungen im Anschluss an die Lehman-Insolvenz. Ob tatsächlich einige chinesische Geschäftsbanken Schwierigkeiten hatten, kurzfristige Verbindlichkeiten zu bedienen, weshalb das Misstrauen zwischen den Geldhäusern sprunghaft gestiegen ist, bleibt Spekulation. Die betroffenen Banken zumindest haben diese Bedenken weit von sich gewiesen. Ausgangspunkt der Anspannungen am Interbankenmarkt scheint vielmehr eine zu geringe Liquiditätszuteilung der chinesischen Notenbank, der People’s Bank of China (PBoC), gewesen zu sein. Und das in einem Umfeld, in dem die Kreditinstitute angesichts des bevorstehenden Quartals- und Halbjahresultimos, mehrerer Feiertage zu Beginn des Monats sowie unmittelbar bevorstehender Mindestreservezahlungen ohnehin einen erhöhten Liquiditätsbedarf haben. Mittlerweile hat die PBoC die Liquiditätsversorgung verbessert, die meisten Interbankensätze haben gegenüber ihren Spitzenständen der vergangenen Woche wieder deutlich nachgegeben. Von „normalen“ Durchschnittswerten sind sie aber nach wie vor weit entfernt.

Unklar ist, ob das zunächst sehr restriktive Vorgehen der Notenbank auf Weisung der chinesischen Regierung geschah. Die neue Führung in Peking hat seit ihrem Amtsantritt vor einigen Monaten bereits des Öfteren mit Maßnahmen überrascht, die auf die Strukturschwächen der chinesischen Wirtschaft zielen. Das strikte Vorgehen gegen Korruption ist hier zu nennen, auch die strenge Überwachung des Devisenhandels seit einigen Wochen zählt dazu. Damit wollen die Behörden Export-Scheingeschäfte unterbinden, durch die den Geschäftsbanken Auslandskapital im großen Stil zugeflossen ist, was angesichts der bestehenden Kapitalverkehrskontrollen eigentlich untersagt ist. Die nun fehlenden Mittel aus dem Ausland dürften auch noch zusätzlich zu der aktuellen Liquiditätsklemme beigetragen haben.

Nun hat sich Peking der Risiken des Finanzsektors angenommen, die gerade seit der Wirtschaftskrise 2008 und der Auflegung des riesigen Konjunkturpaketes deutlich gestiegen sind. Dabei dürfte es zunächst gar nicht um die konventionelle Kreditvergabe gehen. Die ist für sich genommen zwar schon enorm, hat sich aber seit dem Krisenjahr 2009, in dem die Vergabe neuer Kredite verdoppelt wurde, inzwischen wieder normalisiert. Stattdessen haben sich die Banken aber alternative Finanzierungswege gesucht – die Mittel wurden zunehmend außerhalb der Bankbilanzen („off-balance“) ausgereicht, der Bereich der sogenannten „Schattenbanken“ wuchs beständig. Mittlerweile ist das Volumen neuer Finanzierungen, die über diese alternativen Kanäle erfolgen, nach Angaben der PBoC nahezu genauso hoch wie das der klassischen Bankkredite – vor acht Jahren war es noch nicht einmal ein Drittel. Das Gesamtvolumen ausstehender Bankkredite plus alternativer Finanzierungen beläuft sich inzwischen schätzungsweise auf 200 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung – das ist schon beunruhigend hoch.

Grundsätzlich ist es sicherlich zu begrüßen, dass sich die chinesische Führung nun der zahlreichen Schwachpunkte im chinesischen Wirtschaftssystem annimmt, mehr Ehrlichkeit und Transparenz anstrebt und dafür auch bereit ist, ein geringeres Wirtschaftswachstum in Kauf zu nehmen. Es scheint aber, als ob Peking dieser jüngste Vorstoß „aus dem Ruder“ gelaufen ist und nun – um bei dem Bild zu bleiben – „zurückgerudert“ werden muss. Unserer Ansicht nach hat die PBoC zwar ausreichend Möglichkeiten, beruhigend in den Geldmarkt einzugreifen – selbst ohne Zins- oder Mindestreservesatzsenkung. Ein gewisser Schaden ist nun aber zweifellos angerichtet, wodurch die Nervosität erst einmal erhöht bleiben wird und das Augenmerk verstärkt auf die Stabilität des chinesischen Finanzsektors gelenkt werden wird. Dies könnte in den kommenden Monaten durchaus auch der konjunkturellen Entwicklung Chinas schaden. Wir meinen, dass es sinnvoller wäre, wenn Peking nicht zu viele „Baustellen“ gleichzeitig aufmacht, um nicht den Reformprozess als Ganzes zu gefährden.

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