EZB nun mit vorausschauender Steuerung

Die Europäische Zentralbank hat gestern wie erwartet ihre Leitzinsen konstant gehalten und auch keine weiteren neuen Maßnahmen verkündet. Mit Spannung erwartet wurde allerdings die Pressekonferenz. Hier hat EZB Chef Mario Draghi deutlich gemacht, dass seine Institution, anders als die US-Notenbank, auf absehbare Zeit keine Abkehr von ihrer akkommodierenden Geldpolitik anstrebe. Zwar gehen die Euro-Währungshüter mit Blick auf die zweite Jahreshälfte weiterhin davon aus, dass die europäische Konjunktur zunehmend Tritt fasst, doch gebe es weiterhin erhebliche Abwärtsrisiken.

Erstmalig zum Einsatz kommt bei der EZB das Instrument einer „vorausschauenden Steuerung“ der Märkte. Gemäß Draghi werden die EZB-Leitzinssätze, und zwar der Refi- und der Einlagensatz, „für einen ausgedehnten Zeitraum“ auf ihren derzeit erreichten Niveaus verharren oder tiefer liegen. Auffällig ist die Verwendung des (im Englischen) Begriffs „extended period“, bekannt aus früheren Formulierungen der US-Notenbank. Der EZB-Rat will, Bestandteil der „Forward guidance“, die Steuerung der Zinserwartungen der Marktteilnehmer abhängig sehen von drei Entwicklungen: den Inflationsperspektiven auf einen mittleren Horizont, von der Realwirtschaft und von der Geldmengenentwicklung, hier primär vom engen Aggregat M1, vom weiten Aggregat M3 und vom Bilanzgegenposten, der Kreditvergabe im Euro-Raum. Auf genauere Zielwerte sowie eine Konkretisierung der Zeitspanne wollte sich Draghi allerdings nicht festlegen lassen.

Anders als die US-Notenbank sind die Währungshüter in Frankfurt weiter im Lockerungsmodus. Oder, um mit den Worten Draghi zu sprechen: Der Exit ist weit entfernt.

Mit der gestrigen Sitzung ist das Fenster für eine erneute Senkung der Leitzinsen wieder etwas stärker geöffnet worden. Wir halten daher an unserer Erwartung einer nochmaligen Reduzierung der Leitzinsen in den kommenden Monaten fest. Die Festlegung, die Zinsen für einen längeren Zeitraum niedrig zu halten oder weiter zu senken, halten wir für geeignet, den Märkten eine gewisse Orientierung zu geben. Die starke Betonung der Wirtschaftsentwicklung sowie die Festlegung, die Geldpolitik locker zu lassen oder weiter zu lockern, zeigen: Die EZB ist in der angelsächsischen Zentralbankwelt angekommen.

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