Frankreich am Scheideweg

Die französischen Wirtschaftsdaten sind ernüchternd: die Wirtschaft schrumpft, die
Neuverschuldung und die Arbeitslosigkeit steigen. Gleichzeitig stellen die Märkte
Frankreich immer noch auf eine Stufe mit den soliden Schuldnern innerhalb der Eurozone:
Die zehnjährigen Renditen Frankreichs bewegen sich seit mehreren Monaten
recht stabil mit einem Aufschlag von 50 bis 80 Basispunkten über den Renditen
Deutschlands. Die Investoren gewähren Frankreich damit noch immer einen Vertrauensvorschuss mit Verweis auf seine zentrale Bedeutung für die Eurozone.

Auch wenn strukturell nicht alles im Argen liegt, so sind die Wolken am Horizont
doch ziemlich düster. Frankreichs Regierung, die sich im Moment noch darauf ausruht,
dass der Markt dem Land bislang kein Ultimatum stellt, sollte notwendige
Strukturreformen bald angehen. Insbesondere eine Senkung der Ausgaben ist geboten.
Frankreich leistet sich das teuerste Sozialsystem der gesamten EWU. Aber
auch in anderen Bereichen wie der Gesundheits- und der Familienpolitik sind Reformen
dringend notwendig. Aufgrund der Wirkungsverzögerung zu implementierender
Maßnahmen ist es zunehmend riskant, erst auf den etwaigen Druck der
Märkte zu warten, bevor entsprechende Schritte angegangen werden. Einige der
bereits vorgenommenen Strukturreformen greifen außerdem zu kurz. Wir sind
skeptisch, ob die für den Spätsommer avisierte Rentenreform den erhofften Erfolg
erzielen kann. Sollte es Frankreich nicht gelingen, die Haushaltsschieflage in den
Griff zu bekommen, wären längerfristig negative Folgen für Frankreichs Bonitätseinschätzung sowie Ausstrahlungseffekte auf die gesamte Eurozone zu befürchten.

Frankreichs Situation heute ist mit derer Deutschlands zu Beginn des neuen Jahrtausends
vergleichbar, als Europas größte Volkswirtschaft als kranker Mann Europas
galt und die Regierung Schröder die Hartz-Reformen anstieß. Deutschland profitierte
jedoch damals von einem vergleichsweise krisenfreien Umfeld, während
Frankreich und die Eurozone sich heute in einem schwierigen konjunkturellen Umfeld
befinden. Umso wichtiger ist, dass Hollandes Regierung nun handelt, damit die
Märkte gar nicht erst in Verlegenheit geraten, ihr Vertrauen in Frankreich zu hinterfragen
und somit eine Spirale in Gang zu setzen, die gefährliche Implikationen für
die gesamte Eurozone hätte.

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