Britische Wirtschaft überrascht mit kräftigem Wachstum

Sorgten Konjunkturmeldungen aus Großbritannien in den vergangenen Jahren meist für negative Schlagzeilen, ist die britische Wirtschaft seit Jahresbeginn mehr und mehr für positive Überraschungen gut. Nach einer ersten Schätzung des Office for National Statistics (ONS) ist die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal dieses Jahres um 0,6 Prozent gegenüber dem Jahresauftakt gestiegen – sieht man einmal von dem nach oben verzerrten „Olympia-Quartal“ im vergangenen Sommer ab, ist dies das höchste Wachstum seit fast zwei Jahren. Bereits im ersten Quartal war die britische Wirtschaft mit 0,3 Prozent zum Vorquartal erstaunlich kräftig gewachsen und hatte den Rückfall in die Rezession mehr als deutlich vermieden. Und seit einigen Monaten signalisieren auch die Frühindikatoren wieder mehr Zuversicht auf den britischen Inseln: Die Einkaufsmanagerindizes liegen inzwischen beide weit im Wachstumsbereich oberhalb der 50-Punkte-Marke und übertreffen auch die Umfragewerte in den anderen großen Volkswirtschaften, wie den Vereinigten Staaten oder Deutschland, deutlich.

Nachfrageseitige Details gibt das ONS mit dieser Erstschätzung zwar noch nicht bekannt, aber bereits jetzt deuten die Zuwächse bei den konsumnahen Dienstleistungen sowie der solide Anstieg der Einzelhandelsumsätze in den vergangenen Monaten auf einen erneut kräftigen Konsum hin. Schon zu Beginn des Jahres haben die privaten Konsumausgaben das Gros des Wachstums getragen. Auch die Exporte dürften zuletzt sichtbar gestiegen sein. Überraschend stark war zudem die Bautätigkeit, wodurch erstmals seit über einem Jahr wieder mit einem etwas kräftigeren Zuwachs bei den Investitionen zu rechnen ist. In den vorangegangenen Quartalen hatte die Investitionstätigkeit hingegen kräftige Einbrüche verzeichnet – zum Teil sicherlich aufgrund einer „post-olympischen“ Flaute, vor allem aber wohl angesichts der anhaltend trüben Konjunkturperspektiven im In- wie im Ausland.

Wir nehmen das überraschend kräftige Wachstum im zweiten Quartal und die deutlich verbesserte Grundstimmung in Großbritannien zum Anlass, unsere Wachstumsprognose für die britische Wirtschaft anzuheben. Zwar gehen wir nicht davon aus, dass das Wachstumstempo nach der erneuten Beschleunigung in der zweiten Jahreshälfte noch weiter anziehen wird. Dafür ist die Arbeitslosigkeit im Land immer noch zu hoch und zu hartnäckig, so dass die Konsumausgaben wohl nicht noch stärker zulegen werden. Außerdem dürften die bislang äußerst schwachen Importe angesichts einer anziehenden Binnenkonjunktur wohl auch wieder kräftiger steigen. Für das laufende Gesamtjahr gehen wir jetzt aber von einem BIP-Wachstum von einem Prozent aus, womit Großbritannien innerhalb der EU einen der höchsten Zuwächse verzeichnen wird. Im kommenden Jahr rechnen wir dann mit 1,6 Prozent.

Für die britische Wirtschaft ist diese schwungvollere Erholung dringend notwendig: Denn nach der jüngsten Datenrevision des ONS war die Rezession des Jahres 2009 weitaus tiefer, als bislang ausgewiesen und der Abstand zum Vorkrisenniveau der Wirtschaftsleistung mit bislang knapp 4 Prozent noch erschreckend hoch. Längst haben die meisten anderen großen Volkswirtschaften dieses Ausgangsniveau wieder erreicht. Der Rückstand der britischen Wirtschaft hat sich mit dem jüngsten BIP-Anstieg nun deutlich verkürzt, beträgt aber immer noch 3,3 Prozent – der Weg ist also noch weit!

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