Stein der Weisen oder Trojanisches Pferd?

EZB-Präsident Drahi hat angekündigt schon bald die Protokolle der bislang geheimen Ratssitzungen zu veröffentlichen. Es gilt insbesondere die Frage zu klären, wie ausführlich die Sitzungsprotokolle ausfallen und wann sie veröffentlicht werden sollten. Die Ankündigungen haben zu einer Diskussion unter den Marktteilnehmern geführt, ob dieses Mehr an Transparenz sinnvoll ist oder nicht. Das Beispiel der US-Notenbank, die schon seit geraumer Zeit Protokolle der FOMC-Sitzungen veröffentlicht, zeigt, dass zusätzliche Transparenz dem Finanzmarkt bislang kaum geschadet hat. Unserer Einschätzung nach ist ein Vorstoß in Sachen verbesserter Transparenz im EZB-Falle grundsätzlich zu begrüßen, würde dies doch einen tieferen Einblick in die Entscheidungsfindung des EZB-Rates geben und den Finanzmärkten damit mehr Klarheit und eine bessere Orientierung bieten.

Trotz unseres positiven Votums zur Veröffentlichung der EZB-Berichte befürworten wir keine uneingeschränkte Transparenz. Wir halten es für sinnvoll, wenn die EZB zwar die wichtigsten Positionen und die zentralen Argumentationslinien darstellt, diese jedoch nicht den einzelnen Ratsmitglieder namentlich zuordnen wird. Im Gegensatz zur US-Notenbank sehen wir die Gefahr, dass der Druck auf die einzelnen Notenbanker, im nationalen Interesse zu handeln, steigen würde. Dies kann die Unabhängigkeit der Ratsmitglieder gefährden. Wird im EZB-Rat über bestimmte Maßnahmen abgestimmt, beispielsweise über den Kauf von Staatsanleihen oder über Zinsänderungen, sollte das konkrete Ergebnis ebenfalls ohne Namen veröffentlicht werden. Im Anschluss kann jeder Zentralbankchef entscheiden, ob er in einer Rede freiwillig sein Abstimmungsvotum bekannt gibt.

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