Ein Ende des geldpolitischen Gleichlaufs ist wahrscheinlich

Die im Juli verkündete vorausschauende Erwartungssteuerung der „Forward Guidance“ läuft im EZB-Falle über das Versprechen an die Finanzmarktakteure, für einen ausgedehnten Zeitraum die eigenen Leitzinsen auf deren derzeitigen Niveaus zu belassen oder sogar noch einmal abzusenken. Unterfüttert wird dieses Versprechen durch makroökonomische Argumente: Vor dem Hintergrund einer Stagnation der Realwirtschaft im Euro-Raum, einer schwachen Geldmengenentwicklung und einer Inflation auf dem Rückzug könne schlechterdings niemand ernsthaft bezweifeln, dass die EZB die Leitzinsen tatsächlich lange Zeit niedrig halten werde. Die EZB scheint gut beraten, argumentativ scharfe Waffen ins Feld zu führen. Immerhin lehrt die Erfahrung aus früheren geldpolitischen Zyklen: Fängt die Fed erst einmal an, ehedem mit Leitzinsanhebungen, dieser Tage mit einem Ausstieg aus ihren quantitativen Maßnahmen, dann folgen die übrigen Notenbanken der westlichen Welt in der Regel auf dem Fuße. Dieses Mal könnte es anders verlaufen. Zu gewaltig sind die Hinterlassenschaften der Euro-Fiskalkrise: keiner Konjunkturkrise, sondern einer tiefgreifenden Strukturkrise. Sichtbarster Ausdruck dessen ist eine Arbeitslosenquote jenseits der Marke von 12%, Tendenz weiter ansteigend. Noch nie hat den Euro-Raum die Erwerbslosigkeit derart stark getroffen wie derzeit. Auf der anderen Seite des Atlantiks ein gänzlich gegenläufiges Bild: Die US-Arbeitslosenquote nähert sich, von oben kommend, mit einem vergleichsweise stetigen Trend der Marke von 7%. Bei Licht besehen, wissen auch die Wertpapierhändler um die momentan gänzlich gegenläufigen realwirtschaftlichen Entwicklungen dies- und jenseits des Atlantiks. Im Zweifel reagieren die Renditen am Kapitalmarkt des Euro-Raums mehr auf die grassierende Arbeitslosigkeit in Europa als auf die zunehmende Erwerbstätigkeit in Nordamerika. Die gute Lage am Arbeitsmarkt in Übersee spricht für allmählich zunehmende Inflationsgefahren; hierzulande dreht sich vieles eher um das Thema Deflation. Deutsche Bundesanleihen und mit ihnen große Teile des Euro-Kapitalmarktes sind zum Ausklang des Jahres 2013 gefangen in einem Feld unterschiedlicher Kräfte. Ausgehend vom Handeln der Fed, entwickeln unseres Erachtens die Renditen Aufwärtspotential; die EZB hält dagegen und möchte sie möglichst niedrig halten. Insgesamt gesehen, wird sich der Euro-Kapitalmarkt, nach vorne blickend, nicht vom US-Markt abkoppeln können. Mario Draghi und seine Kollegen hätten aber bereits viel geleistet, wenn sich der transatlantische Gleichlauf verringert.

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