Totgesagte leben länger – besonders, wenn sie US-Dollar heißen

Nachdem es noch bis zur letzten Woche des Monats Oktober so ausgesehen hatte, als würden sich alle Kräfte gegen den US-Dollar verschwören, bewahrheitet sich derzeit das Sprichwort „Totgesagte leben länger“. Der Totgesagte ist in diesem Fall die US-Währung, die aufgrund der veränderten Beurteilung der US-Geldpolitik massiv unter Druck stand. Auf handelsgewichteter Basis haben wir den tiefsten Stand seit Anfang 2013 gesehen, und dem Euro war sogar ein Zwei-Jahreshoch beschert. Doch gerade in dem Moment, in dem sich die Marktkräfte einmütig auf den US-Dollar einzuschießen begonnen hatten, war es Zeit für die Wende. Schützenhilfe erfährt die US-Währung dabei von mehreren Seiten. Den Grundstein legten die US-Währungshüter, die sich im Zuge ihrer Oktober-Sitzung überraschend wenig vom US-Haushaltsstreit eingeschüchtert gezeigt haben. Die meisten Marktbeobachter hatten sich auf deutlichere Signale eingestellt, dass das Tapering erst 2014 eingeläutet werden wird. Eine willkommene Einladung für den US-Dollar, sich von seiner festeren Seite zu zeigen.

Aber der EUR-USD-Wechselkurs hat auch eine andere Seite und besteht nicht nur aus US-Überlegungen. Den ersten Hinweis darauf, was im November das zentrale Thema sein könnte, haben die europäischen Konsumentenpreise gegeben, die eine spürbare Verlangsamung der Teuerung mit sich gebracht haben. Die Kehrseite des schwachen Dollars, sprich der feste Euro, bringt neue Herausforderungen für die Eurozone mit sich. Nicht nur die noch fragile Konjunkturerholung in der Eurozone bekommt es zu spüren, vor allem das Preisumfeld wird auf unerwünschte Weise tangiert. Eine Jahresteuerung von nur noch 0,7%, so wenig wie zuletzt vor vier Jahren, weckt nicht nur deflationäre Ängste, sondern dürfte schon bald Spekulationen auf eine rasche Lockerung der EZB auf den Plan rufen. Egal ob Langfristtender, klassische Leitzinssenkung oder negativer Einlagensatz – eine offen bekundete Bereitschaft der EZB zur geldpolitischen Lockerung würde den Höhenflug des Euro umgehend in die Schranken weisen. Auch wenn EZB-Chef Draghi nicht für seine ausgiebigen Kommentare zu Wechselkursfragen bekannt ist, sollten wir bei der EZB-Sitzung am Donnerstag dennoch aufmerksam zuhören und auf Kursreaktionen im Euro gefasst sein. Auch im Rahmen der EZB-Sitzung vom Februar, als der Euro den EZB-Chef mit einer beeindruckenden Rallye bis 1,3711 USD provoziert hatte, hatte Draghi dem Euro-Anstieg verbal Einhalt geboten.

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