Eine Zukunft ohne Wachstum?

Larry Summers, ein prominenter US-Ökonom, hat kürzlich mit der Aussicht auf eine „säkulare Stagnation“ für Aufsehen gesorgt: Demnach ist die Wirtschaft in den Industrieländern seit der Finanzkrise in eine lang anhaltende Phase der Wachstumsschwäche getreten, aus der sie sich ohne einen grundlegenden Politikwechsel auch nicht mehr befreien kann. Aufgrund mangelnder Nachfrage gibt es nicht hinreichend viele profitable Investitionsprojekte, so dass die Wirtschaft in einem Zustand der Unterauslastung gefangen ist. Der reale Zins kann nicht tief genug – ins Negative – sinken, um die Investitionsnachfrage wieder anspringen zu lassen.

Wenn diese Diagnose stimmt, kann man weitreichende Implikationen ableiten, die letztendlich alle auf einen Eingriff des Staates hinauslaufen. Der Staat muss die Staatsausgaben kräftig steigern, sich entsprechend verschulden und mehr investieren. Er kann auch das Bargeld abschaffen, damit die Sparer gezwungen sind, auch einen negativen Zins auf ihre Guthaben zu akzeptieren. Das gilt insbesondere, wenn es nicht gelingt, eine ausreichend hohe Inflationsrate zu generieren, die für einen negativen Realzins sorgen könnte. Oder der Staat kann gleich das ganze Bankgeschäft z.B. über eine umfassende Verstaatlichung selbst übernehmen und dann die Investitionsprojekte in planwirtschaftlicher Manier direkt anschieben.

Das sind natürlich sehr weitgehende Implikationen, die unser gesamtes Wirtschaftssystem infrage stellen. Sie wurden zwar nicht von Larry Summers selbst abgeleitet, aber sie ergeben schlüssig sich aus seiner Problemdiagnose . Es lohnt sich also, die zugrundeliegenden Annahmen noch einmal genauer anzuschauen.

Kann aus dem schwachen Wachstum tatsächlich geschlossen werden, dass es keine rentablen Investitionsprojekte mehr gibt? Sicherlich nicht. Vielmehr ist eine längere Phase schwachen Wachstums im Anschluss an die Finanz- und Bankenkrise nicht ungewöhnlich. Denn in vielen Ländern sind sowohl der private als auch der staatliche Sektor nach wie vor zu hoch verschuldet. Unternehmen, staatliche und private Haushalte müssen konsolidieren, sie müssen Schulden abbauen statt neu zu investieren. Bei den privaten Haushalten waren es in vielen Ländern übertriebene Bewertungen an den Immobilienmärkten, die sie zu einer nicht mehr tragbaren Verschuldung verleitet haben. Die Staaten wiederum haben sich hoch verschuldet, um die unmittelbaren Auswirkungen der Krise abzufedern. Auch sie müssen nun ihre Ausgaben beschränken, was die gesamtwirtschaftliche Nachfrage dämpft.

Die Banken sind aufgrund schlechter Bilanzrelationen und strengerer Regulierung gezwungen, ihre Bestände an Aktiva im Verhältnis zum Eigenkapital abzubauen. Das bedeutet in der Regel weniger Kreditvergabe und weniger Investitionen. Das alles heißt aber nicht, dass es keine rentablen Investitionsprojekte gibt, dass sich also keine positiven Renditen mehr erzielen lassen. Selbst wenn die demografischen Trends in den Industrieländern auf langfristig niedrigere Wachstumsraten hindeuten, so wird es doch weiterhin lohnende Investitionsprojekte z.B. auf der Basis von technischen Innovationen geben. Und die großen Schwellenländer werden auch in den kommenden Jahren einen hohen Investitionsbedarf haben, um ihren Lebensstandard weiterzuentwickeln.

Krisenzeiten waren in der Volkswirtschaftslehre schon immer Blütezeiten für Phantasien eines langfristigen, nicht aufzuhaltenden wirtschaftlichen Niedergangs. Das war so bei Thomas Malthus im 18. Jahrhundert, der die Verelendung der Arbeiterschaft für schicksalhaft hielt. Das war so beim von Summers zitierten amerikanischen Ökonomen Alvin Hansen in den 1930er Jahren, der den Begriff der „säkularen Stagnation“ prägte, oder beim wachstumsskeptischen Club of Rome in den 70er Jahren. Bis jetzt haben sich diese ökonomischen Untergangsprophezeiungen noch jedes Mal als irregeleitet herausgestellt. Wir sind überzeugt, dass das auch bei der von Summers in die Diskussion geworfenen „wachstumslosen Zukunft“ so sein wird. Die technologische Erfindungskraft der Menschheit und ihre materiellen Bedürfnisse sind auf absehbare Zeit unbegrenzt.

Dennoch sind solche Diskussionen nicht völlig nutzlos. Denn die Beschäftigung mit solchen Fragen fördert das Verständnis der zugrundeliegenden volkswirtschaftlichen Mechanismen und kann damit auch zu einem neuen, bislang nicht gefundenen Lösungsansatz führen.

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