Rohöl: Konsensus unterschätzt die Nachfragedynamik und die Angebotsfriktionen

Das neue Jahr hat kaum begonnen, da sind sich die Finanzmarktauguren plötzlich vergleichsweise einig, dass dem Rohölpreis im Laufe der kommenden zwölf Monate eine empfindliche Reise in Richtung Süden droht. Hierbei werden für den Brent-Rohölpreis zum Jahresende 2014 mitunter „Zielregionen“ von 85-90 USD (Konsensus: 100 USD) ausgerufen, die in Relation zum aktuellen Preisniveau von 108 USD einem Minus von 15-20% entsprechen.

Die Rohöl-Skeptiker führen zur Unterstützung ihrer „Bären-Argumentation“ insbesondere angebotsseitige Gründe an, wobei vornehmlich die fortgesetzte Schieferöl-Produktionsdynamik in den USA, die Expansionspläne des Irak sowie die (offenbar mit einer recht hohen Wahrscheinlichkeit) erwarteten Förder- & Export-Comebacks des Iran (vor dem Hintergrund des im November verhandelten Übergangsabkommens) und Libyens zur Beweisführung herangezogen werden.

Obgleich wir die vorgenannten Faktoren samt ihrer (perspektivisch) preisbelastenden Wirkungsrichtung sehr wohl anerkennen, erlauben wir uns aber dennoch zu einer abweichenden Rohölpreisprognose für 2014 zu kommen, da der Konsensus nach unserer Auffassung sowohl die Rohölnachfragedynamik (infolge der sich deutlich belebenden Weltkonjunktur) als auch die bestehenden Angebotsfriktionen in diversen Teilen der Rohöl-Welt unterschätzt.

Insbesondere mit Blick auf die zu erwartenden 2014er-Produktionsvolumina im Irak, Iran und Libyen gehen wir im Gegensatz zu den „Rohölpreis-Pessimisten“ nicht vom jeweiligen „Best-Case-Szenario“ aus. So unterstellen wir in Libyen trotz der jüngsten Wiederinbetriebnahme des El-Sharara-Feldes lediglich eine schrittweise Erholung der Rohölerzeugungsmenge auf maximal 1,0 Millionen Barrel pro Tag (mbd), was somit deutlich unter dem libyschen Förderpotenzial von 1,5 mbd bleibt. Auch bezüglich der irakischen Expansionspläne sind wir mit Blick auf die seit dem Frühjahr 2013 wieder ausufernde Gewaltwelle, den nach wie vor einer Verhandlungslösung harrenden Konflikt zwischen den Kurden im Nordirak und der Zentralregierung in Bagdad sowie die Historie von Planzahlverfehlungen recht skeptisch. Last but not least rechnen wir auch in der Iran-Frage nicht mit einem kurzfristigen Export-Comeback des Mullah-Staates. Unseres Erachtens ist der Weg zu einer nachhaltigen „diplomatischen Quadratur des iranischen Kreises“ – ungeachtet des jüngst in Kraft getretenen Übergangsabkommens – mit Blick auf die noch abzuarbeitende Verhandlungsagenda sowie die politisch heiklen Störfeuer von der „Verhandlungsseitenlinie“ (u.a. Israel, US-Kongress, Hardliner im Iran) noch ein gutes Stück weiter, als er vom Konsensus derzeit taxiert wird.

Fazit: Wir gehen davon aus, dass das Rohöljahr 2014 den „Vorgänger-Modellen“ weitgehend ähneln wird. Weiterhin blockieren sich preistreibende und preisbelastende Kräfte dabei, dem Rohölpreis einen klaren Nord- oder Süd-Kurs zu verpassen. Mit Blick auf die kommenden 12-15 Monate gehen wir von einem (moderaten) Anstieg des Brent-Rohölpreises auf 110-115 USD aus.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 5.00

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *