China: Exporte und staatliche Investitionen stabilisieren das Wachstum

Chinas Konjunktur stabilisiert sich – nach wie vor sind aber auch erhebliche konjunkturelle Belastungen unübersehbar. Der Datenkranz der Konjunkturindikatoren zeichnet für den Mai erneut ein eher gemischtes Bild. Äußerst positiv ist sicherlich die deutliche Aufhellung des Industrieklimas zu werten, das darauf hindeutet, dass sich die Wachstumsschwäche vom Jahresanfang aktuell wohl nicht weiter fortgesetzt hat. Zuversichtlich stimmt auch die Entwicklung der Exportkonjunktur. Im Vormonatsvergleich sind die chinesischen Ausfuhren bereits zum dritten Mal in Folge überdurchschnittlich gewachsen und konnten dabei vor allem von einer kräftigeren Nachfrage aus den Industrieländern profitieren. Ebenfalls wieder beschleunigt hat sich die Produktion im verarbeitenden Gewerbe. Auch dort zeigen die weniger beachteten saisonbereinigten Monatsraten seit drei Monaten ein leichtes Anziehen der Wachstumsdynamik.

Belastungen gehen dagegen vor allem vom Bausektor aus. Die Wohnungsbautätigkeit hat sich im Mai auf ein 5-Jahres-Tief verlangsamt, die Baubeginne sind zum Jahresbeginn förmlich eingebrochen und liegen nun rund 20 Prozent unter ihrem Vorjahresniveau. Dies spiegelt sich auch in der Importentwicklung wider. China hat seine Einfuhren zuletzt wieder gedrosselt, und zwar die Waren, die überwiegend für den heimischen Verbrauch bestimmt sind – ein Zeichen für die aktuelle Schwäche der Binnenkonjunktur. Die Importe, die in der Exportindustrie weiterverarbeitet werden, konnten hingegen von der jüngsten Erholung der Exportkonjunktur profitieren. Doch die Binnennachfrage ist nicht durchgehend schwach: Die Einzelhandelsumsätze haben zuletzt wieder angezogen. Auch die Autoabsätze sind robust. Und während die Lieferanten von Baurohstoffen, wie Australien oder Brasilien, in den vergangenen Monaten sichtbare Absatzeinbußen in China hinnehmen mussten, konnte beispielsweise Deutschland, das vor allem hochwertige Konsumgüter und Maschinen nach China liefert, seinen Anteil an den chinesischen Importen steigern.

Nach wie vor intransparent ist der Einfluss, den wirtschaftspolitische Maßnahmen derzeit auf die Konjunkturentwicklung haben. Die staatliche Investitionstätigkeit hat sich zuletzt wieder beschleunigt und könnte vorgezogene Infrastrukturprojekte, die Peking zu Jahresbeginn vage in Aussicht gestellt hat, widerspiegeln. Auch die kräftigere Industrieproduktion könnte ein Indiz hierfür sein. Ende April hat die Notenbank darüber hinaus eine Senkung der Mindestreserveanforderungen für einzelne Kreditinstitutsgruppen durchgeführt. Obwohl die betroffenen Banken nur einen kleinen Teil des Finanzsektors ausmachen, könnte die nun wieder etwas kräftigere Kreditvergabe eine erste Folge dieses Schrittes sein.

Unstrittig ist wohl, dass das chinesische Wirtschaftswachstum derzeit mehr denn je politische Relevanz besitzt und politischer Einflussnahme unterliegt. Peking hat sich zu Jahresbeginn de facto verpflichtet, das diesjährige Wachstumsziel von 7,5 Prozent zu erfüllen. Verbale Aufweichungen, dass das Wachstum „etwa“ bei 7,5 Prozent liegen soll, lassen eine Toleranz von Werten leicht unterhalb dieser Marke erwarten, aber Peking wird alles tun, damit die Abweichung auf ein Minimum beschränkt bleibt und hat unseres Erachtens derzeit auch noch die Möglichkeiten, dies zu erreichen. Dass wir uns mit dieser Meinung in guter Gesellschaft befinden, zeigt die aktuell extrem geringe Bandbreite im Prognosespektrum für das chinesische Wirtschaftswachstum, das für dieses Jahr lediglich von 7 bis 7,6 Prozent reicht. Wir rechnen mit einem Wachstum von 7,3 Prozent.

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