Rohöl: Neuer (alter) Krisenherd Irak

Der Rohölpreis (Brent) hat sich in den vergangenen Wochen lange Zeit sehr eng an der 110-US-Dollar-Marke entlang gehangelt, erhielt aber durch den – weitgehend aus dem Nichts gekommenen – Vorstoß der dschihadistischen Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ (ISIS) im Irak zuletzt spürbaren Rückenwind. Die von uns als „labiles Gleichgewicht“ bezeichnete Grundaufstellung des Rohölmarktes bleibt weiterhin intakt und wird mehr und mehr zum Dauermodus. Nach wie vor neutralisieren sich preissteigernde (z.B. Angebotsausfälle in der OPEC- und Nicht-OPEC-Welt) und preissenkende Einflussfaktoren (z.B. US-Schieferölproduktion). Mit einem Durchschnittspreis von 109 US-Dollar notiert der Rohölpreis im laufenden zweiten Quartal 2014 etwas höher als von uns taxiert, liegt damit aber spürbar über der deutlich zu konservativen Konsensprognose.

Auch mit Blick auf die kommenden 12 Monate liegt unsere Rohölpreisprognose signifikant über der Konsensus-Projektion. Unter Berücksichtigung der aktuellen innenpolitischen Situationen im Irak und in Libyen sowie den jüngsten Entwicklungen in den „P5+1+1-Gesprächen“ fühlen wir uns mit diesem Ausblick weiterhin sehr wohl.

Wie von uns unterstellt, gestaltet sich der libysche Weg zur Normalisierung der nationalen Rohölproduktion deutlich steiniger als vom Markt ehedem erwartet. Die jüngste militärische Dimension durch die Kampfansage der „Nationalen Armee“ an die islamistischen Milizen im Lande und das Fehlen eines nationalen Konsenses über die politische Zukunft des Landes legen den Schluss nahe, dass die bei ~200 Barrel pro Tag (kbd) stagnierende libysche Produktion auf kurze Frist nur wenig Steigerungsspielraum aufweist.

Auch im Irak verdichten sich wie von uns prognostiziert die Anzeichen, dass die angestrebten Förder- und Exportziele des Jahres 2014 – sowie aber auch die „Produktions-Blütenträume“ bis zum Jahre 2020 – verfehlt werden. Trotz der noch äußerst volatilen Situation im Irak und der nicht gering zu schätzenden Gefahr, dass sich der militärische Konflikt zwischen ISIS und dem irakischen Militär zu einem Bürgerkrieg ausweitet, gehen wir gegenwärtig aber nicht davon aus, dass die Kämpfe die im Süden gelegenen „fossilen Kronjuwelen“ des Irak rund um Basra erreichen werden. Infolgedessen rechnen wir auch nicht damit, dass der Rohölpreis kurzfristig in den weltwirtschaftlich „roten Bereich“ oberhalb von 120 US-Dollar ansteigen wird.

In den Iran-Gesprächen werden die diplomatischen Fortschritte mit zunehmender Annäherung an den Endtermin des sechsmonatigen Übergangsabkommens immer kleiner. Angesichts unterschiedlicher Auffassungen in diversen (hoch) kritischen Fragen (u.a. Zentrifugen-Anzahl, Laufzeit eines Endabkommens), der ausstehenden Beantwortung des „PMD-Fragenkatalogs“ (Possible Military Dimension) sowie der von Irans Präsident Rohani Ende Mai erstmals verbalisierten Bereitschaft die im Joint Plan of Action (JPoA) angelegte Verlängerungsoption in Betracht zu ziehen, rechnen wir mit einer Ausweitung des „P5+1+1-Verhandlungszeitfensters“ bis Ende 2014.

Fazit: Die Kombination aus einer vom Markt noch zu verarbeitenden (zumindest) sechsmonatigen Verzögerung eines „Iran-Kompromisses“, fortgesetzter Angebotsausfälle bzw. Minderförderungen in der OPEC- und Nicht-OPEC-Welt sowie einer im zweiten Halbjahr 2014 moderat anziehenden Weltkonjunktur sollten den Brent-Rohölpreis auf Sicht der kommenden 12 Monate im Bereich von 110-115 US-Dollar halten, wobei „geopolitische Eskapaden“ für temporäre Ausflüge >115 US-Dollar sorgen können.

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