Abschlagsfreie Rente mit 63 verschärft Fachkräftemangel

Viele Unternehmen in Deutschland klagen seit Jahren über fehlende Fachkräfte. Monat für Monat bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. Dadurch entstehen den betroffenen Unternehmen beträchtliche Wertschöpfungsverluste, die die Wirtschaftskraft dämpfen. Die abschlagsfreie Rente mit 63, die zum 1. Juli in Kraft tritt, wird den Fachkräftemangel zusätzlich verschärfen.

Durch die neue Rentenreform haben allein in diesem Jahr etwa 200.000 Personen Anspruch auf eine Frühverrentung. Die Regierung geht jedoch davon aus, dass nur ein Viertel der Berechtigten früher in Rente geht. Das Interesse ist aber bereits vor der Einführung am Dienstag groß. Der erste Andrang auf die Rentenversicherungen – über 12.000 Anträge liegen bereits vor – könnte den Anfang einer Frühverrentungswelle darstellen, die dem Arbeitsmarkt weitere händeringend gesuchte Fachkräfte entzieht. Besonders prekär wäre der Verlust für die MINT-Berufe – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik – wo heute schon der Bedarf an Fachkräften das Angebot deutlich übersteigt. Diese technisch geprägten Berufe stehen ganz besonders für Innovation und Fortschritt.  Ein langfristiger Mangel macht sich deshalb in der Innovationsfähigkeit Deutschlands negativ bemerkbar. In den MINT-Berufen arbeiten in den letzten Jahren immer mehr über 55-Jährige. Dadurch wurde der Mangel in diesen Berufsgruppen bislang zumindest teilweise kompensiert. Aber wenn künftig viele die Frühverrentung in Anspruch nehmen, wird sich die Lage wieder verschärfen.

Nach Einschätzung des Institutes der deutschen Wirtschaft werden in Zukunft speziell Arbeitnehmer mit abgeschlossener Berufsausbildung schwerer zu finden sein. Verantwortlich ist die seit Jahren sinkende Ausbildungszahl besonders in MINT-Berufen, geeignetes Fachpersonal wird immer knapper. Wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden, dürfte in Deutschland bis zum Jahr 2020 in diesem Bereich ein Fachkräftemangel in Höhe von 1,4 Millionen Personen entstehen. Und dabei ist in dieser Prognose die aktuelle Rentenreform noch nicht berücksichtigt. Die zu erwartende Lücke muss folglich wohl nach oben korrigiert werden.

Der Fachkräftemangel wird durch den demografischen Trend ohnehin schon verstärkt. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, müssten die Menschen länger und nicht kürzer arbeiten. Wenn nun durch die Rentenreform zusätzliche Arbeitskräfte in den vorzeitigen Ruhestand gehen, dürfte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt weiter zuspitzen. Die abschlagsfreie Rente mit 63 ist daher kein nachhaltiges Konzept, die langfristigen Herausforderungen der sinkenden Erwerbsquote werden vernachlässigt. Nun sind die Unternehmen gefragt, Anreize zu setzen, damit ihre älteren Beschäftigten weiterhin im Berufsleben bleiben und die Frühverrentung nicht in Anspruch nehmen.

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Ein Kommentar

Toller Artikel! Um dem demografisch bedingten Rückgang der Erwerbsbevölkerung entgegenzuwirken, sind mehrere Lösungsansätze denkbar: Der frühere Eintritt in das Erwerbsleben, der spätere Austritt aus der Erwerbsphase, eine Erhöhung der Frauenerwerbstätigkeit sowie der Zuzug von ausländischen Arbeitskräften.

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