Die Fed ist zu spät dran

Schon seit längerer Zeit befindet sich die US-Wirtschaft nicht mehr in der Rezession. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Fed nicht den geeigneten Zeitpunkt für den Ausstieg aus ihrer extrem expansiven Zinspolitik verpasst hat. Besorgnisse dieser Art werden an den Finanzmärkten zuletzt immer häufiger geäußert. Selbst einige Mitglieder des geldpolitischen Rats (FOMC) der US-Notenbank fordern, den Kurs der Fed schon bald deutlich zu straffen. Inwieweit die Fed tatsächlich schon „behind the curve“ ist, kann unseres Erachtens anhand der Taylor-Regel bestimmt werden. Die von uns verwendete Taylor-Regel zeigt unmissverständlich, dass die Fed, basierend auf den aktuellen Fundamentaldaten, ihre Leitzinsen gegenwärtig erheblich höher ansetzen müsste, als sie dies tatsächlich tut. Am aktuellen Rand liegt der Taylor-Zins bei etwa 2% Die US-Leitzinsen hätten bei strikter Anwendung der Taylor-Regel damit bis dato schon um mindestens 150 Basispunkte erhöht werden müssen. Entscheidendes Resultat für die aktuelle Geldpolitik laut Taylor-Regel ist, dass die US-Notenbank in ihrem derzeit noch immer geführten Kampf gegen (zu) niedrige Inflationsraten, gegen eine hohe Arbeitslosigkeit und gegen eine Konjunkturschwäche mit ihrem Dauer-Niedrigzins den Bogen zu überspannen droht. Die Reaktionsfunktion legt nahe, dass die Fed besser früher als später den geldpolitischen Restriktionsgrad erhöhen sollte, zumal sich die „Beschäftigungslücke“ in den kommenden Monaten wohl weiter abbaut und die Inflationsraten weiter ansteigen, wenn die jüngst beobachtete Dynamik anhält. Reagiert die US-Notenbank nicht, besteht die Gefahr, dass der „Exit“ aus der expansiven Politik zu spät erfolgt. Zentrale, kritische Folge hieraus könnte zweifelsohne sein, dass die Inflationserwartungen auf die mittlere Sicht, die derzeit (noch) recht gut verankert scheinen, ihre Verankerung verlieren und die Notenbank Vertrauenskapital für an den Finanzmärkten verspielt. Die Glaubwürdigkeit der US-Notenbank als Hüterin der Geldwertstabilität könnte zur Disposition stehen. Des weiteren können die Währungshüter mittels einer laxen Geldpolitik, gewollt oder ungewollt, Vermögenswerte unverhältnismäßig aufblähen, was eine Blasenbildung in der Volkswirtschaft unterstützt; ein Platzen derartiger Blasen geht fast zwangsläufig mit makroökonomischer Instabilität einher. Doch wird die Fed tatsächlich auf absehbare Zeit die Zinszügel so straffen, wie es die Taylor-Regel nahelegt? Wir sind in diesem Punkt trotz der sehr klaren Handlungsempfehlung der hier verwendeten Reaktionsfunktion skeptisch. Vor dem Hintergrund der konjunkturellen Belastungsfaktoren, die nach der letzten Finanzkrise durchaus „strukturellen Charakter“ tragen, wird sich die US-Notenbank ihren expansiven Kurs wohl durchaus noch eine Zeitlang leisten. Dennoch ist die Zinswende nach fünfeinhalb Jahren Nullzinspolitik langsam absehbar.

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