VGR-Revision im Herbst: Alle werden reicher…

Die Berechnungsweise der wichtigsten Kenngröße für den Wohlstand einer Volkswirtschaft – des Bruttoinlandsprodukts – wird aktuell international überarbeitet. Buchhalterisch gesehen dürfte damit das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in vielen Ländern der Eurozone ein gutes Stück höher ausfallen. Nach ersten Schätzungen erhöht sich das BIP ab September durch die Revision im EU-Schnitt um 2,4 Prozent. Das Statistische Bundesamt erwartet für Deutschland eine Veränderung von +3 Prozent, in absoluten Zahlen sind das etwa 82 Milliarden Euro mehr für das Berechnungsjahr 2013.

Solche Generalrevisionen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) erfolgen in regelmäßigen Abständen. Dabei werden die gegenwärtigen Zeitreihen grundlegend überarbeitet, um die Datengüte zu erhöhen und die Messung ökonomischer Aktivitäten immer wieder an die veränderten Umstände einer global agierenden Wirtschaft anzupassen.

Die quantitativ bedeutendste Konzeptänderung dieses Mal ist die Erweiterung des Investitionsbegriffs. Mit der neuen Verordnung werden künftig Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) von Unternehmen und Staat als Investitionen gezählt. Für den Unternehmenssektor wurden sie bisher als Vorleistungen verbucht und waren damit nicht produktionssteigernd. Beim Sektor Staat gingen sie in den Konsumausgaben auf. Durch die neue Definition steigern die Forschungsinvestitionen einer Volkswirtschaft daher die aktuelle Wirtschaftsleistung. Wie hoch die BIP-Veränderung ausfällt, hängt davon ab, wie forschungsintensiv die Unternehmen und der öffentliche Sektor ausgerichtet sind.

Die Erhöhung des BIP bleibt aber nur ein rechnerischer Einmaleffekt. Auswirkungen auf den weiteren konjunkturellen Verlauf folgen daraus nicht. Dennoch ergeben sich Konsequenzen für andere wirtschaftspolitisch relevante Größen. Die Defizitquote und die Schuldenstandsquote in Relation zum BIP werden voraussichtlich sinken. Auf den ersten Blick lässt dies die Verschuldungssituation der Staaten besser aussehen als zuvor. Tatsächlich ändert sich allerdings an den absoluten Schuldenständen und Budgetdefiziten dadurch nichts. Es ergeben sich deshalb auch keine neuen Spielräume, um von den geplanten Konsolidierungspfaden abzuweichen.

Obwohl die Revision in den Medien teilweise als einfacher Taschenspielertrick dargestellt wurde, der Staatsschulden- und Defizitquote geringer aussehen lässt, ist sie fachlich gerechtfertigt. Die Erfassung von F&E-Ausgaben und deren Zurechnung zu den Investitionen trägt ihrer Bedeutung für eine wissensbasierte Wirtschaft besser Rechnung.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 0

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *