Fragwürdiger Schwenk der Bundesbank

In den letzten Tagen haben sich die Chefvolkswirte sowohl der Bundesbank als auch der Europäischen Zentralbank für stärkere Lohnsteigerungen in Deutschland ausgesprochen. Die vergleichsweise gute Konjunktur und der feste Arbeitsmarkt hierzulande erlaubten es demnach, dass die Phase der Lohnzurückhaltung für beendet erklärt wird und die Arbeitseinkommen stärker steigen als in den anderen EWU-Ländern. Bundesbank und EZB stimmen damit einer Forderung des Internationalen Währungsfonds zu, dessen Chefin Christine Lagarde schon seit Längerem mit Ratschlägen zu einer expansiveren Lohnpolitik in Deutschland auffällt.

Von der Bundesbank war dies allerdings nicht unbedingt zu erwarten. Sie war in der Vergangenheit oft als Warner aufgetreten, nicht mit überzogenen Tarifsteigerungen die Preisstabilität zu gefährden und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu belasten. Die Argumentation war dabei stets eher angebotsorientiert: Zurückhaltung bei den Arbeitskosten unterstützt die Beschäftigungsentwicklung und damit auch das Wachstum in Deutschland.

Als langjähriger Bundesbank-Beobachter reibt man sich die Augen: Werden nun bewährte Grundsätze über Bord geworfen? Wieso also dieser offensichtliche Schwenk hin zu einer eher nachfrageorientierten, keynesianischen Sichtweise? Man darf wohl vermuten, dass die schwache Wirtschaftsentwicklung und die sehr niedrige Inflation im Euro-Raum einen enormen Druck auf die EZB und damit auch die Bundesbank ausüben. Wenn die Anfang Juni verkündeten Maßnahmen zur Stützung der Kreditvergabe der (süd-) europäischen Banken keinen Erfolg haben sollten, die Wirtschaft schwach bleibt und die Inflationsrate möglicherweise sogar noch weiter zurückgeht, dann bleibt der EZB wohl nur noch ein breit angelegtes „Quantitative Easing“, also der großvolumige Ankauf von Staatsanleihen. Diese Maßnahme aber ist hoch umstritten, insbesondere die Bundesbank dürfte größte Bedenken haben. Sollte es über höhere Lohnsteigerungen in Deutschland aber gelingen, für Entlastung an der „Deflationsfront“ zu sorgen, so könnte man erst einmal etwas Druck aus dem Kessel entweichen lassen.

Die Unterstützung der Bundesbank durch die EZB ist dagegen eigentlich keine Überraschung. Ein stärkerer Lohnanstieg in Deutschland würde den hohen Wettbewerbsvorteil Deutschlands im Euroraum dämpfen und damit die Notenbankpolitik etwas einfacher machen. Jedoch könnte es auch ein Indiz der Überforderung sein. Die EZB hat nicht nur die Verantwortung für die Finanzmarktstabilität übernommen, sondern soll auch der Konjunktur im Euro-Raum auf die Beine helfen, damit die Inflationsrate nicht zu weit vom Zielwert abweicht. Dabei sind die niedrigen Inflationsraten in Südeuropa vor allem eine Folge der notwendigen Strukturreformen, die die Länder wieder wettbewerbsfähig machen sollen. Daraus erwachsen nicht automatisch Deflationsgefahren. Anstatt nun zu versuchen, den EWU-Durchschnitt über eine entsprechend höhere Teuerungsrate in wirtschaftlich gesunden Ländern wie Deutschland anzuheben, sollte man lieber eine zeitweise Abweichung vom EWU-Inflationsziel nach unten aufgrund der strukturellen Anpassungsprozesse tolerieren. Die Inflationsrate in Deutschland liegt schon jetzt über dem EWU-Durchschnitt, und die Tariflöhne dürften 2014 mit gut drei Prozent so stark steigen wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Das zeigt, dass die Tarifautonomie funktioniert und politische Ratschläge, auch seitens der Notenbanken, eigentlich nicht angebracht sind.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 0

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *