Geopolitische Risiken prägen zurzeit den Rentenmarkt

Der Bund-Future markiert gegenwärtig nahezu täglich neue Allzeithochs. Gegenläufig hierzu fällt dieser Tage die korrespondierende Rendite zehnjähriger deutscher Bundesanleihen. Mit Werten unterhalb von 1,0% hat sie jüngst ein neues Tief erreicht.

Der Krieg in Palästina scheint für den Moment etwas abgeflaut; demgegenüber wollen im Ukraine-Konflikt die Waffen nicht schweigen. Sanktionen des Westens gegen Russland und die Reaktionen Moskaus hierauf werden allmählich spürbar. Ganz aktuell haben die Auftragseingänge der deutschen Industrie um 2,4% unter Vorjahresvergleichsniveau gelegen: Konsequenz auch der Spannungen zwischen Russland und dem Westen.

Betroffen von den aktuellen Sanktionen der EU und der Vereinigten Staaten sind ganz unterschiedliche Branchen. Der Export spezieller Technologien, der Handel mit Rüstungsgütern und bestimmte Transaktionen im Finanzsektor sollen eingeschränkt werden. Diese Maßnahmen dürften Schätzungen der deutschen Industrie- und Handelskammer zufolge einen Rückgang der deutschen Exporte nach Russland von rund 6 Mrd. Euro bedingen. Allerdings zeigen die Statistiken der europäischen Kommission, dass schon zum Ende des vergangenen Jahres der Handel zwischen Russland und der Europäischen Union deutlich zurückgegangen ist.

Die Sorgen vor einer weiteren Zuspitzung des Ukraine-Konflikts begleitet eine neuerliche Angst um die Realwirtschaft im Euro-Raum. Im zweiten Quartal hat des Bruttoinlandsprodukt im Währungsraum stagniert. Viele Markteilnehmer spielen durch, welche Auswirkungen eine weiter nachlassende realwirtschaftliche Dynamik haben könnte, so für die Inflation. Das Deflationsgespenst nimmt in den Augen vieler durch die neuesten Zahlen immer mehr Gestalt an. So beläuft sich die Preisniveauänderungsrate in Griechenland aktuell auf minus 0,8%, in Portugal auf minus 0,7%, in Spanien auf minus 0,4% und in Italien auf 0,0%.

Die Wahrscheinlichkeit einer Deflation ist mit den jetzt veröffentlichten Makrozahlen angestiegen. Entsprechend haben am Markt die Spekulationen über eine nochmals expansivere Gangart der EZB zugenommen. Sollte sich das Deflationsgespenst – entgegen unseren Erwartungen – materialisieren, wäre ein breit angelegtes Ankaufprogramm von Staatsanleihen denkbar. Die Zinsschrauben der EZB sind unseres Erachtens schon am Limit angekommen, sodass die Währungshüter gezwungen wären, den bislang vermiedenen Schritt zu gehen und mittels eines vollumfänglichen Programms zum Kauf von Anleihen zu versuchen, die Wirtschaft wieder auf Spur zu setzen. Allerdings wird die EZB erst einmal die Wirkung der im Mai beschlossenen neuen Langfristtender abwarten wollen. Daher wäre ein Schritt in Richtung „QE“ („Quantitative Easing“/Quantitative Lockerung) nach unserer Lesart frühestens 2015 denkbar.

In einem Szenario, in dem die EZB Staatsanleihen aller Euro-Mitgliedsstaaten kauft, dürften die Bund-Renditen noch weiter fallen. Aufgrund der Lehren aus den QE-Programmen der US-Notenbank müssten gerade die Langläufer-Renditen von einem Ankaufprogramm betroffen sein. Ausgehend von den aktuellen Verhältnissen wären dann Zehnjahresrenditen von 0,7% denkbar. Damit läge man nur noch rund 20 Basispunkte oberhalb der zehnjährigen Renditen japanischer Staatstitel.

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