Italien: Wirtschaft und Märkte gehen getrennter Wege – noch

Die Finanzkrise hat Italiens politischen und wirtschaftlichen Reformstau offengelegt. Überdies hatte die hohe Gesamtverschuldung bei den Investoren Zweifel gesät, ob Italien den fiskalischen Herausforderungen gewachsen und die langfristige Schuldentragfähigkeit gewährleistet ist. Italienische Staatsanleihen gerieten unter Druck, bis die EZB intervenierte und mit ihrem „whatever it takes“-Versprechen im Sommer 2012 langsam wieder Vertrauen am Markt herstellen konnte. Vor allem die zunehmende Vergemeinschaftung von Risiken innerhalb der EWU hat zu einer Entkopplung von ökonomischer und marktbezogener Entwicklung geführt.

Zu den Kernproblemen Italiens zählt nach wie vor die schwindende Wettbewerbsfähigkeit seiner Industrie, die einen hohen Anteil zum BIP beiträgt und die stark auf den Export ausgerichtet ist. Die neue italienische Regierung unter Führung des PD-Vorsitzenden Matteo Renzi hat es sich zwar zum Ziel gesetzt, den Reformrückstand im Land aufzuholen, konnte bislang aber wenige entscheidende Änderungen einleiten. Sollte die Senatsreform glücken und der perfekte Bikameralismus der Legislative der Vergangenheit angehören, dürfte zumindest die politische Mehrheitsfindung in Rom tendenziell leichter fallen.

Renzi setzt aber auch auf aktive Konjunkturpolitik um den Preis eines langsameren Abbaus der Neuverschuldung. Die Gesamtverschuldung wird voraussichtlich weiter steigen und nur einem günstigen Fall im kommenden Jahr auf hohem Niveau verharren. Das Risiko, dass der konjunkturelle Stimulus mehr oder weniger verpufft und Italien mit einem höheren Schuldenniveau in den nächsten wirtschaftlichen Abwärtszyklus startet, nimmt so zu.

Trotz der fundamentalen Probleme investieren auch ausländische Anleger wieder kräftig in BTP-Anleihen. Die Risikoprämien haben zwar noch nicht die Vorkrisenniveaus erreicht, die Renditen bewegen sich wegen rückläufiger Bund-Renditen inzwischen aber entlang der gesamten Laufzeitenkurve auf historischen Tiefständen. Der Nachfrageboom ist vor allem ein Spiegelbild des Vertrauens in die europäischen Institutionen und eine Wette auf eine Fortsetzung des Konvergenzprozesses der EWU-Renditen. Länderspezifische Faktoren spielen gegenwärtig keine vordringliche Rolle, sodass der italienische Anleihemarkt trotz bereits niedriger Renditen vor allem im Vergleich zu Anleihen der EWU-Kernstaaten ein attraktives Anlageziel darstellen.

Längerfristig bestehen aber aufgrund fortbestehender struktureller Probleme Italiens Risiken, die sich materialisieren könnten, sobald das augenscheinliche Missverhältnis zwischen wirtschaftlicher und marktbezogener Entwicklung stärker zutage tritt und Anleger länderbezogene Faktoren höher gewichten. Die Regierung in Rom wird daher gefordert sein, die Zeit günstigerer Refinanzierungsbedingungen für dauerhafte strukturelle Reformen zu nutzen und der Konjunkturpolitik nicht den Vorrang zu geben.

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