Deutet der steigende Transatlantik-Spread auf einen bevorstehenden Crash am Aktienmarkt hin?

Die Renditedifferenz zwischen US-Staatsanleihen und deutschen Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren liegt aktuell bei 153 Basispunkten. Der Unterschied zwischen den Renditen dies- und jenseits des Atlantiks fällt damit so hoch aus wie zuletzt im Jahr 1989. In Deutschland bezahlt der Staat Anlegern nur noch rund 0,9% Zinsen pro Jahr, weniger als je zuvor. Ganz anders in den Vereinigten Staaten: Dort erhalten Anleger immerhin noch 2,4% für die Papiere zehnjähriger Laufzeit, also deutlich mehr als hierzulande. Für diese divergierende Entwicklung ist maßgeblich die unterschiedliche wirtschaftliche und politische Entwicklung während der vergangenen Jahre verantwortlich. Während die US-Regierung die heimischen Banken nach der Krise 2008 relativ schnell erfolgreich reanimierte und damit den Grundstein für eine, wenngleich auch schleppend verlaufende, Konjunkturerholung in den Folgejahren legte, verschlechterte sich die konjunkturelle und politische Lage in Europa zunächst noch, insbesondere im Jahr der Griechenlandkrise 2010. Dass die Amerikaner den Europäern im Erholungszyklus ein Stück voraus sind, ist der Hauptgrund für das heutige relativ hohe Zinsdifferential zwischen US-Treasuries und deutschen Bunds.

Die Renditedifferenz zwischen deutschen und US-Anleihen sowie der Aktienmarktentwicklung bildete innerhalb der letzten 15 Jahre insgesamt drei zyklische Hochs aus: im Juni 1999, im Juli 2006 und heute. Jeweils neun bis zwölf Monate nach den ersten beiden Hochs kam es zu hohen Kursverlusten an den Aktienmärkten, so dass sich einige Marktteilnehmer nun dazu veranlasst sehen, auch innerhalb der nächsten Quartale einen Crash am Aktienmarkt vorherzusagen. Als Begründung wird angeführt, dass US-Anleger, die ja weltweit als größte und wichtigste Investoren gelten, immer dann, wenn die Aktienmärkte gut laufen, viel Geld in Aktien investierten. In dieser Zeit vernachlässigten sie hingegen die US-Staatsanleihen (den sichersten Hafen), die Renditen stiegen dort also an. Droht den Aktienmärkten hingegen ein neuer Abwärtstrend, würde das Geld zügig aus Aktien in Anleihen umgeschichtet, was dann zu steigenden Kursen und rückläufigen Renditen bei US-Bonds und meist auch zu einem rückläufigen Transatlantik-Spread führte.

Es ist aus unserer Sicht höchst fraglich, ob die Höhe des Transatlantik-Spreads dazu geeignet ist, als Indikator für neue Stürme an den Finanzmärkten zu dienen. Neben der Kritik am kleinen gewählten Sample (Fokussierung auf lediglich zwei Datenpunkte, 1999 und 2006) und der Nichtbetrachtung von Bewertungsgrößen des Aktien- und Anleihenmarktes wird bei dieser „Analyse“ zusätzlich außer Acht gelassen, dass die Notenbanken selbst von ihren klassischen Marktmechanismen abgekehrt sind und die Geldschleusen soweit wie nie zuvor geöffnet haben. Das sorgt im aktuellen Zyklus für eine abnormale Bewegung des Transatlantik-Spreads. Während sich dieser früher in Vorkrisenzeiten üblicherweise ausweitete, weil die US-Renditen schneller anstiegen als die deutschen, steigt der Spread im aktuellen Zyklus in einem Umfeld fallender Renditen auf beiden Seiten des Atlantiks lediglich an, weil die Renditen in Europa schneller fielen als in den USA. Wir gehen sogar davon aus, dass sich das Zinsdifferential zwischen den USA und Europa weiter ausweiten sollte, insbesondere weil die EZB die Weichen für weiter rückläufige Renditen gestellt hat. Die Aktienmärkte dürften von diesem historisch einmalig niedrigen Zinsumfeld zunächst noch profitieren, denn für sie ist die absolute Höhe (oder besser: Tiefe) der Zinsen sehr viel bedeutsamer als der Unterschied der Zinsen dies- und jenseits des Atlantiks.

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