Die Schottland-Frage: Warum die Schotten besser mit „Nein“ stimmen sollten

In gut einer Woche, am 18. September, stimmen die Schotten über ihre Unabhängigkeit ab. Nachdem das Referendum monatelang als ein „Non-event“ erschien, muss angesichts der jüngsten Umfragen davon ausgegangen werden, dass die staatliche Einheit Großbritanniens nun im letzten Moment tatsächlich auf „Messers Schneide“ steht. Ein Schock für das politische London!

Was ist die treibende Kraft hinter dem schottischen Separatismus? Vertreter der Autonomiebewegung werben damit, dass ein unabhängiges Schottland aufgrund des Rohstoffreichtums vor seinen Küsten weitaus wohlhabender wäre, als es dies jetzt in der Union des britischen Königreichs ist. Ein staatlicher Alleingang würde daher die Ausweitung des Wohlfahrtsstaates ermöglichen, eine Perspektive, die den gesellschaftspolitischen Vorstellungen der meisten Schotten entgegenkommt.

Aber sind diese Aussichten auch realistisch? Die britische Erdölindustrie hat ihre besten Zeiten längst hinter sich, die reale Wertschöpfung sinkt seit Jahren. Die Steuereinnahmen aus dem Ölgeschäft wären gemessen an der Größe des schottischen Staatshaushaltes zwar beträchtlich, aufgrund ihrer Schwankungsanfälligkeit aber unkalkulierbar und in der Tendenz rückläufig. Längerfristig würde ein unabhängiges Schottland auf eine untragbare Entwicklung seiner Staatsfinanzen zusteuern. Spielräume für ein ausgedehnteres Wohlfahrtswesen erscheinen mehr als fraglich.

Hinzu kommt, dass Schottland im Falle einer Abspaltung von Großbritannien erhebliche wirtschaftliche Risiken eingehen würde. Ein eigenständiges Schottland wäre eine sehr kleine, offene Volkswirtschaft, konjunkturell abhängig vor allem vom einstigen Mutterland „Rest-Großbritannien“, dem alles dominierenden Handelspartner. Seine Wirtschaft wäre recht einseitig strukturiert: Öl und Whisky wären die Haupt-Exportgüter, Finanzdienstleistungen die wichtigsten Service-Exporte. Doch die Zukunft des schottischen Finanzsektors ist aber mit Fragezeichen zu versehen. Er lebt hauptsächlich von der Verflechtung mit dem Finanzplatz London und könnte durch die staatliche Sezession Geschäft und Größe an den Handelspartner in England verlieren. Falls nicht, stellt sein aktuelles Ausmaß ein bedenkliches Risiko für die Stabilität Schottlands dar, da weder der schottische Staat noch eine schottische Notenbank in der Lage wären, strauchelnde Banken zu stützen.

Dabei ist ohnehin noch völlig ungeklärt, ob und in wieweit Schottland eine eigene Währung und eigene Notenbank haben würde. Die komfortabelste Lösung für ein unabhängiges Schottland, eine Währungsunion mit Rest-Großbritannien, wird von London kategorisch abgelehnt. Andere Optionen sind hoch problematisch. Und schließlich wirft ein Austritt Schottlands aus dem Vereinigten Königreich zahlreiche Verfahrensfragen rund um die EU-Mitgliedschaft des neuen Staates auf.

Schottland hätte im Falle eines Alleingangs ökonomisch viel zu verlieren und wenig zu gewinnen. Allerdings ist die Haltung der Schotten zur Unabhängigkeit stark emotional geprägt. In London hat man dies inzwischen begriffen und geht auf die schottische Regierung zu, nicht zuletzt, weil auch für das übrige Großbritannien, wenn auch nicht langfristig, zumindest aber unmittelbar viel auf dem Spiel steht. Dem Vereinigten Königreich stehen turbulente Wochen bevor.

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