Saudi-Arabien modifiziert seine „Förderphilosophie“, … vollführt aber KEINE 180°-Drehung!

Seit Mitte Juni ist der Brent-Rohölpreis um 25% gefallen. Gründe für den Preisabsturz waren u.a. das überraschende Comeback der libyschen Produktion, das Ausbleiben (erwarteter) Produktionsausfälle in Russland und dem Irak, die Rallye des US-Dollars sowie insbesondere die (nachfragesenkende) Abkühlung der Weltkonjunktur. Darüber hinaus trug auch der extensive Rückzug der Rohölspekulation an die Seitenlinie des Marktes zur Preisdiät bei.

Seit Anfang Oktober haben zudem ins Kraut schießende Mutmaßungen über eine um 180 Grad gedrehte „Produktionsphilosophie“ Saudi-Arabiens den Preisrückgang beschleunigt und Diskussionen über eine „neue Preisnormalität“ von 80-85 USD befeuert. Gemäß der Argumentation der „New-Normal-Anhänger“ kämpft Saudi-Arabien – unter Ausnutzung seiner günstigen Produktionsgrenzkosten und seiner budgetpolitischen Potenz – zukünftig mit harten Preisbandagen um Marktanteile im asiatischen Perspektivmarkt.

Nach unserer Lesart hat Saudi-Arabien eine solch harte Gangart aber ungeachtet „der US-Schieferöl-Herausforderung“ – zumindest gegenwärtig – noch gar nicht nötig. Erstens halten wir den viel diskutierten Angebotsüberschuss im Atlantischen Becken – bei steigender Winternachfrage und endendem Raffinerie-Wartungszyklus – inzwischen für vergleichsweise gering. Zweitens gehen wir in Libyen angesichts des herrschenden innenpolitischen Chaos im Land nicht davon aus, dass die dortige Rohöl-Produktion in absehbarer stabil über die „1-Mio.-Barrel-Marke“ klettert, sondern rechnen infolge der äußerst fragilen politischen Situation mit einer oszillierenden Förderung im Bereich von 500-900 kbd. Drittens erwarten wir mit Blick auf den 24. November, dass die P5+1-Staaten und der Iran bei ihren „Nuklearverhandlungen“ in eine abermalige Verlängerung gehen werden (müssen) und die iranischen Exporte demzufolge vorerst bei 1,0-1,2 mbd verharren werden. Viertens antizipieren wir auch für den innenpolitisch vor gewaltigen Herausforderungen stehenden Irak eine nur sehr zögerlich vonstatten gehende Produktionsausdehnung (im schiitischen Süden des Landes). Fünftens unterstellen wir, dass das deutlich gesunkene Preisniveau sowohl zu einer (sanften) „Entschleunigung“ des Nicht-OPEC-Angebots (z.B. US-Schieferöl, kanadisches Schweröl) als auch zu einer Dynamisierung der Rohölnachfrage führt, wobei Letztere von unmittelbaren Preiseffekten (nach dem ökonomischen Gesetz der Nachfrage) aber auch von Zweitrundeneffekten (durch die Konjunkturstimulation der niedrigeren Rohölpreise) angetrieben wird.

Angesichts unserer im Prognostiker-Vergleich unterm Strich positiveren Erwartung bezüglich des „Call-on-OPEC (CoO)“ und des von Saudi-Arabien beizutragenden CoO-Anteils sehen wir für das Wüstenkönigreich keinen Anlass für ein vollumfängliches Facelifting der Förderphilosophie, sondern erwarten „lediglich“ eine – allerdings nicht ohne Preisfolgen bleibende – Modifikation der saudischen Output-Steuerung. Unseres Erachtens wird Saudi-Arabien in einer – schieferölbedingt – veränderten Rohölwelt mit einem (zumindest) mittelfristig geringeren Bedarf an OPEC-Rohöl mit dem Ansteuern eines Preisbandes von 90-100 USD versuchen, sanften Druck auf andere Produzenten vornehmlich innerhalb (aber auch außerhalb) der OPEC aufzubauen und der Weltwirtschaft (ergo: der Rohölnachfrage) – quasi als positiver „Kollateraleffekt“ – damit gleichzeitig einen „fossilen Stimulus“ zu verpassen.

Ob dieser neuen Rahmenparameter am Rohölmarkt nehmen wir unsere Preisprognosereihe für Brent- und WTI-Rohöl um ~10% zurück und erwarten Ende 2015 nun Preise von 100 (zuvor: 112) bzw. 94 USD (zuvor: 104).

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