Fitch: Zeitpunkt der belgischen Ausblick-Herabsetzung überrascht

Die Entscheidung der Ratingagentur Fitch, den Ausblick für das belgische AA-Rating auf negativ zu senken, hat überrascht. Es stimmt zwar, dass Belgiens Wirtschaft in diesem und im kommenden Jahr voraussichtlich nicht so stark wachsen wird, wie noch vor einigen Monaten erwartet. Es stimmt auch, dass Belgiens hohe Staatsverschuldungsquote in diesem Jahr weiter ansteigen wird und dass das demografische Profil des Landes die Rentenkassen vor ein Problem stellt. Die Tatsache, dass zwei große belgische Banken durch den EZB-Stresstest gefallen sind, könnte auch als mögliche Erklärung gedient haben. Dennoch überrascht die Entscheidung als solche, vielmehr aber noch der Zeitpunkt der Herabsetzung. Belgien hat im Mai dieses Jahres gewählt und die neue Regierung hat gerade erst ihre Arbeit aufgenommen. Der Haushaltsentwurf der Mitte-rechts-Regierung für 2015 hätte zwar noch ambitionierter ausfallen können, dennoch soll die Neuverschuldung auf 2,1% des BIP sinken. Wichtige Schwachstellen, die Haushalt und Wettbewerbsfähigkeit des Landes negativ beeinträchtigen, sollen adressiert werden. Hierzu zählen unter anderem das niedrige Rentenalter und die automatischen Anpassung der Gehälter an steigende Preise. Trotz mitunter starker Proteste im Volk gegen diese Maßnahmen will die Regierung, die über eine komfortable Mehrheit im Parlament verfügt, grundsätzlich an ihrem wirtschaftsliberaleren und fiskalpolitisch nachhaltigeren Kurs festhalten.

Genau wie wir rechnet sogar Fitch damit, dass der belgische Gesamtschuldenstand im kommenden Jahr seinen Höchststand erreicht und in der Folge leicht zurückgeht. Wir sind zudem optimistisch, dass es der neuen Regierung gelingen kann, das Pensionssystem im Zuge der Überalterung zu reformieren und so einen großen Hemmschuh der fiskalischen Entwicklung tendenziell zu beseitigen. Das Risiko für die  Staatsfinanzen, das vom Bankensektor ausgeht, halten wir ebenfalls für nicht hoch. Beide im Stresstest durchgefallenen Banken haben entweder bereits neues Kapital aufgenommen oder verfügen über ausreichend Staatsgarantien. Als größtes Risiko sehen wir die erstmalige Regierungsbeteiligung der flämisch-nationalistischen N-VA auf föderaler Ebene sowie andererseits die Tatsache, dass die wallonischen Parteien innerhalb der Regierung stark unterrepräsentiert sind. Aus heutiger Sicht kann jedoch von einem Fortbestand der Regierung und somit sogar von einer Verbesserung der Bonität Belgiens ausgegangen werden.

Die Ratingaktion unterstreicht unserer Ansicht nach einmal mehr den oft eher nachlaufenden
Charakter der Agenturratings. Wir erwarten trotz der Herabsetzung des Ausblicks durch Fitch keine baldige Herabstufung des Ratings auf AA-, da die notwendigen Veränderungen, die Fitch für eine Anhebung des Ausblicks zurück auf stabil als notwendig erachtet, in unserem Basisszenario erfüllt werden. Wann Fitch die nächste Einschätzung des belgischen Ratings vornehmen wird, wird erst um den Jahreswechsel herum bekannt sein. Dann erst nämlich werden die Ratingagenturen den obligatorischen Ratingkalender für 2015 herausgeben.

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