Ist der Ölpreisverfall ein globaler Krisenindikator?

Bis August 2014 schien sich der weltweite Ölmarkt in einem recht stabilen Gleichgewicht zu befinden. Der Preis für ein Barrel Brent-Öl bewegte sich seit Anfang 2011 zuverlässig in einer groben Spanne zwischen 100 und 120 US-Dollar. Das extreme Auf und Ab vor und während der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise schien abgelöst durch ein „new normal“ auf dem Ölmarkt, ein Preisniveau, mit dem sowohl die Produzenten als auch die Nachfrager leben konnten.

Seit August 2014 jedoch ist die Angebots-Nachfragerelation offensichtlich aus den Fugen geraten. Der Ölpreis ist in den letzten vier Monaten um mehr als 25 Prozent abgestürzt. Nach dem erfolglosen Einigungsversuch beim OPEC-Meeting am vergangenen Donnerstag fiel der Preis nun sogar zeitweise unter die 70 Dollar-Marke. Auch wenn angebotsseitige Faktoren eine wichtige Rolle zu spielen scheinen, löst ein solch rapider Preisverfall Sorgen in Bezug auf die globale Konjunktur aus. Zuletzt ging 2008 ein Preiseinbruch am Ölmarkt nämlich mit einem weltweiten Konjunkturabsturz einher. Droht auch dieses Mal eine globale Rezession?

In früheren Phasen sinkender Ölpreise, so etwa 1986, 1999 und 2001, waren diese ebenfalls verlässliche Anzeichen für ein schwaches Wirtschaftswachstum oder sogar für eine Rezession. Insofern kann angesichts des aktuellen Preisverfalls auf dem Ölmarkt sicherlich zumindest davon ausgegangen werden, dass das Risiko einer deutlichen, weltweiten Wachstumsabschwächung derzeit als erhöht anzusehen ist.

Allerdings wird die Sorge vor einer globalen Krise durch einen Blick auf andere Rohstoffpreise zumindest relativiert. Denn auch beispielsweise die „Nicht-Eisen-Metalle“ weisen üblicherweise eine enge Korrelation mit der weltweiten Konjunktur auf. Würden die NE-Metalle sich aktuell ähnlich schwach präsentieren wie das Öl, mit dem sie langfristig auch positiv korreliert sind, so wäre dies unzweifelhaft ein weiteres Alarmzeichen für die Konjunktur. Der Markt für NE-Metalle zeigte sich jedoch in den letzten Wochen weitaus stabiler als der Ölmarkt und gab anders als dieser kein Krisensignal.

Dies deutet darauf hin, dass derzeit die Einflussfaktoren auf der Angebotsseite des Ölmarktes (also etwa die stark steigende Förderung von Schieferöl in USA, Krisenländer Libyen und Irak übertreffen bei Produktion die Erwartungen, Unstimmigkeiten innerhalb der OPEC verhindern Förderanpassung) die wichtigste Erklärung für die aktuelle Preisentwicklung darstellen dürften. Darüber hinaus sollte berücksichtigt werden, dass das aktuelle Preisniveau von rund 70 US-Dollar pro Barrel immer noch oberhalb seines langfristigen Durchschnittswertes (seit dem Jahr 2000) liegt. Man könnte die aktuelle Entwicklung also auch als Normalisierung nach einer Phase sehr hoher Ölpreise begreifen.

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