Negativzins: Neue „Unwetterwarnstufe“ erreicht

Die Deutsche Bundesbank hat in ihrem aktuellen Finanzstabilitätsbericht auf die Gefahren der anhaltenden Niedrigzinsphase hingewiesen. Danach verstärken mickrige oder gar negative Renditen die Risikoneigung der Marktteilnehmer und verleiten zu Übertreibungen. Tatsächlich haben die Zinsen bzw. Renditen in vielen Bereichen neue historische Tiefstände erreicht. So ist die Umlaufsrendite inländischer Rentenpapiere monatsdurchschnittlich im Oktober auf ein neues Rekordtief von 0,7 Prozent gefallen. Im Neugeschäft mit täglich fälligen Einlagen sank der Effektivzins im gleichen Monat auf nur noch 0,27 Prozent und für den Klassiker, die Spareinlage mit dreimonatiger Kündigungsfrist, erhalten private Haushalte gerade mal 0,56 Prozent – so wenig wie noch nie seit Einführung der Zinsstatistik. Bereits im Juni hatte die EZB mit dem Negativzinssatz auf Einlagen, die Banken bei einer Notenbank des Eurosystems anlegen, ein neues Zeitalter eingeläutet. Inzwischen haben erste Geschäftsbanken reagiert und ebenfalls Negativzinsen in Teilbereichen ihres Kundeneinlagengeschäfts eingeführt.

Negativzinsen sind weniger außergewöhnlich, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. So gab es in der Vergangenheit immer wieder Phasen mit negativem Realzins. Ob der Realzins durch hohe Inflationsraten oder durch negative bzw. minimale Nominalzinsen bei schwacher Inflation ins Negative rutscht, ist dabei scheinbar zweitrangig. Die Folgen sind zumindest die gleichen: ein Wertverlust der betroffenen Geldvermögensbestände. In der Anlegerpsychologie besteht allerdings doch ein gravierender Unterschied: Während sich positive Nominalzinsen irgendwie immer noch als Vermögenszuwachs interpretieren lassen, gibt es bei Negativzinsen keinen Interpretationsspielraum: Wenn man für Einlagen Zinsen bezahlen muss, anstatt zu bekommen, läuft etwas schief und man muss sich nach Alternativen umsehen.

Das Problem besteht jedoch darin, dass es aktuell keine Angebote festverzinslicher Anlageformen gibt, die bei geringen Risiken eine attraktive Verzinsung bieten. Der Anlagenotstand zeigt sich unter anderem daran, dass die privaten Haushalte in Deutschland inzwischen über 21 Prozent ihres gesamten Geldvermögens in Sichteinlagen und Bargeld „zwischengeparkt“ haben. Fast die Hälfte der Bankeinlagen der Bürger besteht aus Sichteinlagen und anderen täglich fälligen Geldern. Die extrem niedrigen Zinsen veranlassen die Anleger, jenseits von Bankeinlagen und Rentenpapieren nach besseren Renditen zu suchen und dafür auch höhere Risiken einzugehen. In der Anlegerpsychologie wirkt ein drohender Negativzins wie ein Turbo, der den Drang nach Rendite verstärkt.

Als Folge einer sich verlagernden Nachfrage steigen die Preise auf den Märkten für Anlagealternativen. Betroffen sind nicht nur die Aktienmärkte, sondern beispielsweise auch die Immobilienmärkte. Nach Einschätzung der Bundesbank gibt es vor allem auf den Märkten für Unternehmensanleihen und bei syndizierten Krediten Indizien für ein „übertriebenes Verlangen nach Renditen“. Aber auch bei einem DAX, der trotz mäßiger Konjunkturperspektiven in dieser Woche zeitweise die 10.000er-Marke überschritten hatte, kann man sich fragen, ob verschiedene Aktien mit ihren aktuellen Kursen nicht den eigentlichen Wert deutlich überschreiten.

Zu den von Blasenbildung gefährdeten Märkten zählt auch der Immobilienmarkt. Obwohl die Immobilienpreise in Deutschland insgesamt nur moderat steigen, waren in jüngster Vergangenheit in verschiedenen Ballungsräumen hohe Preiszuwächse zu beobachten. Der Anreiz, in Immobilien zu investieren, ergibt sich nicht nur für die von niedrigen Zinsen geplagten Anleger. Auch Immobilienkäufer, die den Erwerb über Kredite finanzieren, lassen sich gerne von niedrigen Kreditzinsen locken. So haben Zinsen nicht nur im Anlagebereich neue Tiefststände erreicht. Auch der durchschnittliche Zins für Wohnungsbaukredite privater Haushalte ist im Oktober mit 2,34 Prozent auf ein neues Rekordtief gefallen. Zwar zählt der Markt für private Wohnungsbaukredite zu den am kräftigsten wachsenden Kreditmärkten in Deutschland. Eine Zuwachsrate von 2,3 Prozent liefert allerdings noch keine Indizien für eine Überhitzung.

Trotzdem ist Vorsicht geboten: Das gilt für Teilmärkte in städtischen Regionen und für die allgemeine weitere Marktentwicklung im Bereich Immobilien/Wohnungsbaukredite. Und das gilt auch für Aktienmärkte und die Märkte für Unternehmensanleihen. Mit Negativzinsen wurde eine neue „Unwetterwarnstufe“ erreicht. Die Bekämpfung drohender Preisblasen liegt jedoch nicht nur in der Verantwortung der makroprudenziellen Aufsicht. Auch institutionelle Investoren und Privatanleger sind gefordert, in der Risiko-Rendite-Abwägung nicht die Gefahr einer Blasenbildung an den Märkten außer Acht zu lassen.

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