Russische Wirtschaft vor der Pleite?

Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zeigen offenbar schnellere und härtere Wirkungen als von Wladimir Putin erwartet. Der Finanzsektor erleidet hohe Verluste, die Unternehmen kommen nicht mehr ausreichend an Devisen, um benötigte Einfuhrgüter zu kaufen, Technologiegüter können zum Teil überhaupt nicht mehr importiert werden. Inzwischen konzediert auch die Regierung, dass es im nächsten Jahr zu einer Rezession kommen dürfe. Das Wirtschaftsministerium rechnet nun für 2015 mit einem Konjunktureinbruch von -0,8 Prozent. Hinter der krisenhaften Zuspitzung der Lage stehen die Kapitalflucht und der rapide Preisverfall für Rohöl und anderer Energieträger – die wichtigsten Exportgüter und Devisenbringer für Russland. Im Ergebnis unterliegt der Rubel einem dramatischen Abwertungsdruck. Allein seit Ende Juni hat er die Hälfte seines Wertes zum US-Dollar eingebüßt und Allzeittiefs markiert.

Die Notenbank hat mit Devisenmarkinterventionen dieses Jahr bereits einen dreistelligen Milliardenbetrag eingesetzt – und verloren. Leitzinsanhebungen als letztes Mittel gegen die Kapitalflucht und die horrend gestiegene wechselkursinduzierte Inflation werden kurzfristig auch keine Linderung des Rezessionstrends bringen. Ohnehin handelt sich die Notenbank mit ihrer restriktiven Geld- und Zinspolitik bereits bedenkliche Tadel aus dem Kreml ein.

Russland scheint damit vor wirklich ernsten Problemen zu stehen. Die Rechnung für einen kommenden Finanzkollaps ist einfach: Die russischen Banken verlieren derzeit Milliardenbeträge an möglichen Einnahmen. Bis Ende 2015 werden bei Russlands Unternehmen 130 Mrd. Dollar an Fremdwährungsverbindlichkeiten fällig. Sollte ihr Devisenzugang bis dahin gestört bleiben, wären sie darauf angewiesen, dass die Regierung sie „freikauft“. Ein fortgesetzter Rückgriff wie bisher auf den staatlichen „Wohlfahrtsfonds“, der etwa 88 Mrd. US-Dollar „schwer“ ist, kann dabei aber keine Abhilfe schaffen, denn nur ein kleiner Teil seiner Mittel wäre kurzfristig liquide. Abgesehen davon wird dies längerfristig neue Probleme schaffen, denn er sichert die staatlichen Pensionsverpflichtungen ab. Auch der „Nationale Notfallfonds“, der etwa genauso viele Mittel beinhaltet, ist nur zum Teil kurzfristig disponibel. Wie man sieht, ist ohne einen Rückgriff auf die weiteren Devisenreserven der Notenbank kein umfassendes „Bail-out“ durch den Staat möglich.

Insgesamt verfügte Russlands Notenbank inklusive der beiden genannten Sonderfonds Ende Oktober 2014 (letzte amtliche Zahl) über Devisenreserven von 370 Mrd. US-Dollar. Hinzu kamen Sonderziehungsrechte und eine Reserveposition beim IWF von insgesamt gut 12 Mrd. USD sowie Goldvorräte von gut 45 Mrd. USD. Insgesamt summiert sich alles auf knapp 430 Mrd. USD. Geht man nun davon aus, dass nicht einmal die Hälfte davon kurzfristig und ohne Schaden disponibel ist, weil langfristig am Kapitalmarkt angelegt oder anderweitig gebunden, etwa durch bereits vergebene Investitionsgarantien im Inland, würden die effektiven Reserven rasch aufgezehrt sein. Ein schnelles Abschmelzen der Reserven würde zudem den Devisenzugang nochmals erschweren, weil der Außenwert der Rubels vollends abzustürzen droht. Der Kapitalmarkt dürfte diese Prozesse vorweg nehmen und seinerseits beschleunigen.

Der russische Staat hat selbst zwar nur relativ geringe Auslandsverbindlichkeiten, aber es ginge kurzfristig ja vor allem um die „Rettung“ der devisenabhängigen russischen Unternehmen, und deren Schulden werden unter Umständen schnell zu staatlichen Schulden. In spätestens zwei Jahren wären die russischen Handlungsmöglichkeiten bei einem „weiter so wie bisher“ wohl endgültig ausgeschöpft. Zur Rubelstützung stünden schon lange vorher kaum noch Mittel bereit. Nicht ohne Grund reist Wladimir Putin derzeit von einer Ecke der Welt in die nächste, um neue Koalitionen mit bisher vernachlässigten Freunden zu schmieden und langfristige Lieferabkommen für sein Erdöl und Erdgas zu vereinbaren. Ob dies genügt, um den Kollaps zu vermeiden, ist zweifelhaft. Am Ende muss Putin wohl entscheidende Konzessionen an seiner bisherigen Außenpolitik machen, um die Sanktionen gegen sein Land zu beenden und die Wirtschaft wieder auf einen Erholungskurs zu bringen.

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