Überraschende Zinssenkung in Kanada

In einem für alle Marktteilnehmer völlig überraschenden Schritt hat die kanadische Notenbank den Leitzins von 1,00% auf 0,75% gesenkt. Von den bei Reuters oder Bloomberg befragten Analysten hatte keiner mit einer Senkung gerechnet, was zusammen mit dem steilen Kurseinbruch des Kanadischen Dollar auf ein Sechs-Jahres-Tief das Ausmaß der Überraschung unterstreicht. In der Begründung verweist die Notenbank auf die negativen Folgen des Ölpreisverfalls sowohl für den Inflationsausblick als auch für die Konjunkturdynamik des stark von der Ölindustrie geprägten Landes. Weitere Schritte seien möglich, falls das Inflationsprofil und die Finanzstabilität dies erfordern sollten.

Dass der Schritt nicht durch die entsprechende Rhetorik vorbereitet wurde, hinterlässt zusammen mit den neuen Projektionen der BoC einen äußerst faden Beigeschmack, um nicht sogar zu sagen einen Eindruck von Panik. Die BoC scheint den Ölpreisverfall nicht für einen temporären Effekt zu halten, sondern befürchtet langfristige strukturelle Anpassungen. Mit ihrem Lockerungsschritt ist Kanadas Notenbank in guter Gesellschaft unter den Zentralbanken weltweit, die sich in den letzten Monaten mehrheitlich in Richtung Expansion bewegt haben. Allerdings ist Kanada die erste der großen Notenbanken, die nicht nur auf die im weiteren Jahresverlauf anvisierte Zinserhöhung verzichtet (UK) oder selbige hinauszögert (Neuseeland), sondern die zu einer tatsächlichen Senkung greift und es mit der aktuellen Ölpreisentwicklung begründet.

Im Vergleich zur US-Geldpolitik könnte sich hingegen ein wichtiger Strukturwandel abzeichnen, der die Geschicke des Kanadischen Dollars auch jenseits des akuten negativen Zinsschocks belasten sollte: Dass die Ausrichtung der US-Notenbank (tendenziell) Richtung Zinserhöhungen geht, während in Kanada gesenkt wird, ist aufgrund der engen Verflechtung der beiden Volkswirtschaften extrem ungewöhnlich. Neben unserer Erwartung eines anhaltenden Abwärtsdrucks auf den Kanadischen Dollar gilt es, auch die Ansteckungseffekte für andere, kleinere Währungen im Auge zu behalten, bei denen die Notenbank vor ähnlichen Herausforderungen (=Öl- bzw. rohstoffabhängige Wirtschaft plus Disinflationsdruck) steht. Selbst wenn die Währungshüter beispielsweise in Norwegen oder Australien nicht tatsächlich zu Zinssenkungen greifen würden, droht deren Sentiment in den kommenden Monaten von den Vorgaben aus Kanada belastet zu werden.

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