Schuldenschnitt auf Kosten der Zentralbanken?

Derzeit sind zwei große Trends im Weltwirtschaftssystem zu beobachten: Einerseits liegt die Staatsverschuldung in vielen Ländern auf sehr hohen Niveaus. Andererseits sinkt die Weltinflation. Vor dem Hintergrund dieser prekären Situation könnte der Vorschlag aufkommen, dass die Zentralbanken den hochverschuldeten Staaten ihre Schulden erlassen sollten. Dieser Gedanke ist naheliegend, weil in der Vergangenheit viele Notenbanken Staatsanleihen gekauft haben. Im Ergebnis halten viele von ihnen große Bestände von Anleihen der sie jeweils tragenden Staaten: Die Zentralbanken sind in vielen Fällen wichtige – wenn nicht gar die wichtigsten – Gläubiger des eigenen Staates. Würde eine Zentralbank auf die Rückzahlung dieser Forderungen verzichten, könnten „zwei Fliegen mit einer Klappe“ geschlagen werden: Der staatliche Schuldenberg in vielen Industrieländern würde sinken, und die dortigen deflationären Tendenzen könnten gemildert werden.

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die hohen Schuldenquoten in vielen Industrieländern letztlich einen Schuldenschnitt unvermeidlich erscheinen lassen. Zweifelsohne dürfte beispielsweise Japan erheblich näher an einem Schuldenschnitt sein als die Eurozone. Letztlich macht aber gerade die Entwicklung in Japan deutlich, dass ein Land um Strukturreformen nicht herumkommt. So wäre jeglicher Schuldenerlass vergebene Liebesmüh, wenn anschließend alles wieder von vorne beginnen würde: Die Schuldenberge stiegen erneut, und die Notenbanken müssten erneut Anleihen aufkaufen.

Auch wenn im aktuellen Umfeld die Inflationsgefahren sehr gering erscheinen, lassen sich die längerfristigen realwirtschaftlichen Konsequenzen einer Gesundung der Staatsfinanzen auf Kosten der Zentralbanken kaum abschätzen. Gerade aufgrund der Tatsache, dass viele große Industrieländer große Schuldenberge angehäuft haben und bei einem Schuldenerlass damit riesige Mengen an Zentralbankliquidität im globalen Wirtschaftskreislauf verblieben, sind mögliche Inflationsgefahren auf lange Sicht nicht auszuschließen. Das gilt umso mehr, als die Vergangenheit zahlreiche Beispiele von Phasen von (Hyper-)Inflation, die auf einer Monetarisierung der Staatsschulden beruhen, bereithält.
Ein solcher Schuldenerlass könnte das Vertrauen in die jeweilige Zentralbank somit nachhaltig beschädigen, weil die Erwartung aufkommen könnte, dass eine derartige Maßnahme nicht einmalig bleibt. Eine Entschuldung des Staates zulasten ihrer Zentralbank wäre also ein Spiel mit dem Feuer.

 

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