Peking arbeitet weiter am „soft landing“ der chinesischen Wirtschaft

Die Signale zur konjunkturellen Entwicklung in China bleiben gemischt – ihre Schlagzahl hat sich in den vergangenen Tagen aber deutlich erhöht: Für besondere Aufmerksamkeit haben sicherlich die geldpolitischen Lockerungen der People’s Bank of China (PBoC) gesorgt, die Mitte Februar zum ersten Mal in zweieinhalb Jahren eine breit angelegte Mindestreservesatzsenkung durchführte und nun am Wochenende zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten den Leitzins senkte. Völlig überraschend kamen die jüngsten Schritte zwar nicht, sie hinterlassen aber dennoch den Eindruck von Aktionismus und schüren die Sorge, dass es um die Konjunktur in China aktuell schlechter bestellt ist, als es bislang den Anschein hatte.

Auf der anderen Seite hat sich aber die Stimmung in der chinesischen Industrie zuletzt wieder sichtbar aufgehellt: Der ebenfalls am Wochenende publizierte Einkaufsmanagerindex, dem eine Umfrage des chinesischen Statistikamtes zugrunde liegt, ist im Februar zwar nur leicht gestiegen und verharrte mit 49,9 Punkten unterhalb der neutralen 50-Punkte-Marke. Die gleichzeitig durchgeführte private (und deshalb von Pekinger Einflussnahme unabhängigere) Befragung durch Markit zeigt für den abgelaufenen Monat aber einen deutlichen Stimmungsaufschwung. Der Indikator sprang um einen vollen Indexpunkt nach oben auf 50,7 Punkte, wobei er sich vor allem gegenüber der vor 10 Tagen vorab veröffentlichten Schätzung nochmals verbesserte. Diese hatte einen Wert von 50,1 Punkten ergeben.

Und schließlich zeichnet es sich ab, dass Ministerpräsident Li zur Eröffnung der Jahressitzung des Nationalen Volkskongresses am kommenden Donnerstag eine Absenkung des offiziellen Wachstumsziels verkünden wird, und zwar von 7,5 auf 7 Prozent. Wie sind diese jüngsten Entwicklungen einzuschätzen?

Wir rechnen seit Monaten damit, dass die chinesische Führung das Wachstumsziel für dieses Jahr verringert. Schließlich konnte der Zielwert schon in den vergangenen Jahren nur mühsam und im zurückliegenden Jahr 2014 dann gar nicht mehr erreicht werden. Der Wachstumspfad der chinesischen Wirtschaft ist abwärtsgerichtet: Das liegt an der nachlassenden Produktivität in der Industrie und belastenden demographischen Trends. Auch die bisherigen Reformschritte, vor allem die Antikorruptionsmaßnahmen und der Abbau von industriellen Überkapazitäten, kosten Wachstum. Hinzu kommt ein zyklischer Abschwung im Bausektor.

Um den Abwärtspfad so sanft wie möglich zu gestalten und die Konjunktur vor einem scharfen Abgleiten zu bewahren, hat Peking bereits in den vergangenen Jahren mit gezielten wirtschaftspolitischen Eingriffen, sogenannten „Mini-Stimuli“, den Konjunkturverlauf stabilisiert. Die Maßnahmen waren bislang überwiegend fiskalischer Natur, obwohl auch die fiskalpolitischen Spielräume angesichts der hohen Verschuldung der Provinzregierungen mehr als eng sind. Durch den deutlichen Rückgang der Inflation in den vergangenen Monaten hat sich nun aber geldpolitischer Spielraum ergeben, den die PBoC jetzt genutzt hat. Hinzu kommt die inzwischen recht schwache Nachfrage nach Immobilienfinanzierungen. Dass mittlerweile wieder mehr Bankkredite vergeben werden und weniger Finanzierungen über den Schattenbankensektor laufen, rechtfertig die jüngsten Schritte ebenfalls.

Das Vorgehen Pekings ist sicherlich ein schwieriger Balanceakt, bislang ist es aber offenbar gelungen, die Konjunkturentwicklung Chinas weitgehend zu stabilisieren. Die aktuelle Stimmungsaufhellung kann vor diesem Hintergrund durchaus als Beleg gesehen werden, denn sie dürfte eine erste Reaktion der Unternehmen auf die zurückliegenden geldpolitischen Maßnahmen sein. Dabei konnte der jüngste Zinsschritt noch gar nicht berücksichtigt werden. Mehr als stabilisierende Effekte sollten von den Eingriffen aber nicht erwartet werden und dürften von Peking auch nicht bezweckt sein. Wir gehen deshalb für das laufende Quartal bestenfalls von einem Wirtschaftswachstum in Höhe der Rate vom Vorquartal aus, d. h. von 7,3 Prozent (J/J), was dann aber wieder zielkonform sein würde. Im weiteren Jahresverlauf rechnen wir mit weiter nachlassenden Wachstumsraten.

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