Rohöl: Eingetrübte Preisaussichten

Die Chancen für ein „preiskonstruktives“ OPEC-Treffen im Juni sind deutlich gesunken

Der Preis für ein Barrel Brent-Rohöl, der sich von seinem Tiefstand im Januar bei 45 USD bis Ende Februar bereits wieder auf 63 USD stabilisiert hatte, ist in den vergangenen Wochen wieder in den Bereich von 55-60 USD zurückgefallen.

Die Gründe für die Preiskorrektur sind vielfältig. Erstens erreichen die US-Lagerbestände inzwischen seit 14 Wochen in Folge immer neue Rekordniveaus, wobei der (saisonal adjustierte) Abstand zu den vorherigen Maximalwerten sich zunehmend voluminöser gestaltet. Zweitens nimmt die Dynamik der Außerbetriebnahme von US-Explorationsbohrtürmen allmählich ab. Von geopolitischer Seite wurde der Markt drittens von dem deutlich friktionsfreier als befürchtet verlaufenen Machtwechsel in Nigeria überrascht. Ebenfalls preisdämpfend wirkte sich viertens die jüngst erzielte Grundsatzeinigung zwischen den P5+1-Staaten und dem Iran im Atomkonflikt aus, da die errungene Rahmenübereinkunft die Chancen für eine Rückkehr der im Juli 2012 aus dem Markt sanktionierten „Teheraner Export-Barrel“ objektiv erhöht und – im Kontext der neu aufgeflammtem „Jemen-Krise“ – die Chancen für ein konstruktives OPEC-Treffen im Juni reduziert hat.

Trotz des äußerst kräftigen Anstiegs der US-Rohölvorräte in der Vorwoche (~11 Mio. Barrel) und des inzwischen erreichten Lagerbestands-Rekordniveaus von 482 Mio. Barrel gehen wir nicht davon aus, dass es zu einer (von den größten Marktskeptikern prognostizierten) Ausschöpfung der verfügbaren Lagerkapazitäten inklusive eines massiven Preisverfalls am vorderen Ende der Terminkurve kommen wird. Unseres Erachtens werden ein sich seinem Ende zuneigender Raffinerie-Wartungszyklus, eine (niedrigpreisbedingt) robuste Nachfrage sowie eine sich in den kommenden Wochen zunehmend „entschleunigende“ US-Produktion den Eintritt dieses „Bären-Szenarios“ verhindern.

Die P5+1-Staaten und der Iran haben sich am 2. April in Lausanne auf ein prima facie inhalts- und detailreicher als erwartetes Rahmenabkommen geeinigt, was von vielen Marktteilnehmern als Durchbruch in dem seit 13 Jahren andauernden Atom-Konflikt interpretiert wurde. Wir sehen in dem Rahmenabkommen einen wichtigen Meilenstein, aber (noch) keinen Durchbruch! Unseres Erachtens steht den Diplomaten beider Verhandlungsseiten der mit Abstand schwierigste Teil der Verhandlungen in den kommenden (3+x) Monaten erst noch ins Haus.

Nach unserer Überzeugung sind die Chancen für ein endgültiges Abkommen durch die Erreichung des „Lausanner Meilensteins“ zwar objektiv gestiegen, dennoch rechnen wir wegen der exorbitanten Komplexität der noch abschließend zu klärenden Fragen nicht damit, dass das angestrebte Zielfoto bereits zum 30. Juni erreichbar sein wird. Wir antizipieren ein solches Endabkommen frühestens für das späte 2H2015. Die Rückkehr der iranischen Export-Barrel auf die Weltmärkte (im Volumen von 0,50-0,75 mbd) erwarten wir somit frühestens im 1H2016.

Wegen der erhöhten Wahrscheinlichkeit eines endgültigen Atom-Deals im Laufe des 2H2015 sowie unserer gewachsenen Überzeugung, dass Saudi-Arabien im derzeit sehr bewegten außenpolitischen Umfeld (u.a. „Jemen-Krise“, Sorge vor einer stärkeren USA-/Iran-Annäherung) beim nächsten OPEC-Meeting keinen Beitrag zur weiteren Stabilisierung des Rohölpreises leisten wird, nehmen wir unsere jahresdurchschnittliche Preisprognose für Brent-Rohöl in 2015 und 2016 auf 63 (zuvor: 67) USD bzw. 74 (zuvor: 80) USD zurück.

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