Aktien: US-Unternehmen setzen auf Finanzoptimierungen, in China wird kräftig spekuliert

An den Aktienmärkten haben sich in den vergangenen Monaten stattliche Divergenzen ausgebildet. Auf der einen Seite steht der amerikanische Aktienmarkt, an dem vor dem ersten Zinsschritt der Federal Reserve mehr und mehr Warnlampen angehen. Auf der anderen Seite stehen die Aktienmärkte Europas, die vom geldpolitischen Coup der EZB profitieren. Mittendrin steht u.a. der chinesische Aktienmarkt, an dem zunehmend auf Kredit spekuliert wird.

In Amerika ist es die Kombination aus hoher Bewertung und rückläufigen Unternehmensgewinnen, die aktuell beunruhigt. Weil die letztgenannte Entwicklung jedoch maßgeblich auf den starken US-Dollar und den Einbruch des Rohölpreises zurückzuführen ist, dürfte es sich bei der aktuellen Gewinnabschwächung nur um ein zeitlich befristetes Formtief und nicht um einen andauernden Abfall der Ausdauerleistung der US-Konzerne handeln.
Die Unternehmen heben in der Zwischenzeit weiterhin Basiseffekte, die maßgeblich durch das Niedrigzinsumfeld begründet sind. Sie haben in den vergangenen Jahren die eigene Verschuldung deutlich hochgefahren und setzen stärker auf Finanzoptimierungen im Konzern, denn auf „reale“ Investitionen. Dank maßgeschneiderter – meist fremdfinanzierter – M&A-Transaktionen, Erhöhung der Dividendenausschüttungen, Abspaltung von Unternehmensbereichen, Steueroptimierungen und insbesondere der Durchführung von Aktienrückkäufen (leider wieder zu Höchstkursen!) profitieren die Aktionäre nun von einer attraktiven Rundumversorgung. Betriebswirtschaftlich sehen die Kennzahlen und Aktienkurse nach Durchführung solcher Maßnahmen immer wesentlich besser aus. Volkswirtschaftlich gesehen, erleiden jedoch die Konsumenten (die unverändert rund 70% der US-Wirtschaftsleistung repräsentieren) oft Nachteile. Basierend auf Fed-Angaben, hält nur jede achte US-Familie Einzelaktien, sieben von acht Familien profitieren also nicht direkt vom Börsenaufschwung. Zusätzlich wirken Firmenübernahmen und –fusionen tendenziell negativ auf die Zahl der Beschäftigten. Der Einkommenseffekt des Börsenbooms ist somit auf wenige Profiteure beschränkt. Solange die Unternehmen die Verschuldung steigern und weiterhin auf die kurspflegenden Effekte des angesprochenen „Financial Engineerings“ setzen, dürfte sich der Anstieg der US-Börsen fortsetzen, auch wenn die Bewertung schon höher als im Sommer 2007 steht und damit spekulative Höhen erreicht. Ob der Leitzins dabei im Sommer oder Herbst 0,25% höher stehen wird oder nicht, dürfte an den Aktienmärkten zunächst eine untergeordnete Rolle spielen. Anleger sollten hohe Kurse von Zeit zu Zeit für Gewinnmitnahmen nutzen.

In spekulativen Höhen schwebt der chinesische Aktienmarkt schon seit längerem. Nach einem Kursplus von knapp 100% in einem halben Jahr kletterte der Shanghai Composite Index jüngst auf ein Siebenjahreshoch. Die chinesischen Sparer drängen in den Aktienmarkt, weil sie am Kapitalmarkt nicht genügend Zinsen bekommen und von Immobilieninvestments enttäuscht wurden. Weil die Währung nicht frei konvertierbar ist und die Regierung bestrebt ist, das Geld im Lande zu halten, fließt nun viel Liquidität in den Aktienmarkt, zum großen Teil auch geliehenes Geld. Durch den Hebeleffekt wird die Kraft des Aufschwungs noch verstärkt. Alles in allem handelt es sich hier um Effekte, die zukünftig zu einem noch stärkeren Gegensteuern durch die Regierung und Notenbank führen sollten. Spannend bleibt die Frage, ob diese spekulative Entwicklung ein Prolog für die Entwicklung an anderen Börsen der Welt sein wird oder ein auf den chinesischen Markt begrenztes Phänomen.

 

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