Bahnstreik als Wachstumsbremse?

Die Lokführer-Gewerkschaft GdL hat am Montag den „längsten Bahnstreik aller Zeiten“ ausgerufen. Der fast einwöchige Streik sorgt für großen Ärger bei den Kunden der Bahn – sowohl im Personen- als auch im Güterverkehr. Der deutsche Arbeitgeberverband befürchtet durch den Streik tägliche Schäden und Produktionsausfälle aufgrund von verzögerter Belieferung der Unternehmen von rund 100 Millionen Euro, der deutsche Industrie- und Handelskammertag beziffert die möglichen Gesamtkosten des aktuellen Bahnstreiks auf rund 500 Millionen Euro. Setzt man diese Summen ins Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, so könnte im laufenden Quartal ein Minus von 0,1 Prozent drohen. Das Wachstum würde also entsprechend geringer ausfallen.

Der Anteil der Eisenbahnen am Güterverkehrsverkehrsaufkommen in Deutschland beträgt rund 17,5 Prozent, davon übernimmt die Bahntochter DB Schenker Rail rund zwei Drittel. Besonders in der Stahl-, Chemie- und Autoindustrie sind viele Unternehmen auf eine pünktliche Belieferung mit Rohstoffen und Vorprodukten angewiesen und können oft auch kaum auf andere Verkehrsträger als die Bahn ausweichen. So laufen in der Automobilindustrie 60 bis 70 Prozent der Teileversorgung von Automobilwerken über die Schiene. Wenn sich die Läger der Unternehmen leeren, droht die Produktion ins Stocken zu geraten. Industriezweige, die weniger auf die Bahn angewiesen sind und z.B. eher auf den LKW-Verkehr setzen, können den aktuellen Streik dagegen gelassener verfolgen.

Der Bahnstreik schadet zweifellos dem Renommee der Bahn als zuverlässigem Partner der Wirtschaft, auch wenn sich die Bahn bemüht, die Kosten durch flexibles Reagieren und setzen von Prioritäten bei den verfügbaren Transportkapazitäten so gering wie möglich zu halten. Soweit möglich werden die Unternehmen auch auf andere Verkehrsträger ausweichen – aufgrund der Vielzahl der Streiks in den letzten Monaten sind sie darin ja leider bereits geübt.

Aus diesen Gründen haben die bisherigen Bahnstreiks auch – zumindest bezogen auf die Gesamtwirtschaft – keine nennenswerten Schäden verursacht. Das könnte beim aktuellen Streik aufgrund seiner Länge anders sein. Aber auch hier dürften die Kosten in der Makro-Sichtweise größtenteils vorübergehender Natur sein, da die ausgefallene Produktion wohl meistens relativ schnell nachgeholt werden kann. Für das einzelne Unternehmen gilt das jedoch nicht: Mit den durch verzögerte Belieferung, ausgefallene Produktion, teure Sonderschichten und verärgerte Kunden verursachten Schäden muss jede Firma allein zurechtkommen.

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