Griechenland: Die Zeit drängt

Das gestrige Treffen der Eurogruppe lieferte wenig Überraschendes. Sowohl Griechenland als auch die Geberländer lobten die gute Gesprächsatmosphäre, die wohl sichtlich von einer Neubesetzung der griechischen Delegation profitierte. Substantielle Ergebnisse lieferte allerdings auch dieses Zusammenkommen nicht. Die EWU-Finanzminister fordern weiterhin, dass Griechenland umfangreichere strukturelle und fiskalische Reformen zusagt. Vor allem bei den Themen Steuern, Arbeitsmarkt, Rentensystem und Privatisierungen hakt es. Die griechische Regierung muss sich überdies weiterhin in einem Spagat üben. Einerseits fordern die Kreditgeber mehr Reformen als von Athen zugesagt, andererseits stemmen sich die Hardliner in den eigenen Reihen mit großer Vehemenz gegen ein griechisches Einknicken.

Während sich die Verhandlungsparteien allenfalls leicht aufeinander zu bewegen, droht sich Griechenlands Liquiditätslage weiter zuzuspitzen. Zwar hat Athen gestern eine fällige Tranche im Volumen von 750 Mio. Euro an den IWF überwiesen, hierbei hat Griechenland wohl aber auf eine Einlage in Höher von 650 Mio. Euro beim Washingtoner Fonds zurückgegriffen. Diese ist gemäß der Statuen aber innerhalb eines Monats zurückzuzahlen.

Die Lage droht aus der Sicht Griechenlands weiter zu eskalieren. Im Juni stehen Rückzahlungen von mehr als 1,5 Mrd. Euro an den IWF an. Nachdem bereits die Kassen öffentlicher Unternehmen, Kommunen und Sozialversicherungsträger beliehen wurden, dürfte das Geld kaum noch ausreichen, um die Gläubiger zu bedienen und Löhne und Renten vollumfänglich auszuzahlen.

Die Zeit drängt also. Der Druck liegt aber nicht nur auf den Schultern Griechenlands. Auch die Gläubiger dürften es aus politischen und wirtschaftlichen Gründen vorziehen, wenn ein Zahlungsausfall vermieden wird. Da es im Kreise der EWU-Regierungen und des IWF bis dato keine Mehrheit für einen Grexit gibt, müssten die Geldgeber andernfalls einen Zahlungsausfall mit Verbleib Griechenlands in der Währungsgemeinschaft akzeptieren. Es würden nicht nur Fragen danach laut werden, ob sich Griechenland mit seiner Forderung nach einem Schuldenerlass schließlich doch durchgesetzt habe. Auch das politische Signal an die anderen EWU-Staaten hinsichtlich der Einhaltung der europäischen Fiskalziele könnte verheerend sein.

Griechenland selbst hofft weiterhin auf ein Entgegenkommen der Eurogruppe. Bevor man aber eine innenpolitische Revolte riskiert, bleibt Ministerpräsident Tsipras voraussichtlich eher standhaft und setzt darauf, dass bei einem Zahlungsausfall nicht doch noch der Grexit folgte.

Die Märkte sind indes weniger stark beunruhigt, als man angesichts des Ernstes der Lage vermuten könnte. Die Renditen griechischer Anleihen notieren sogar unter den Höchstständen vom April und weit unterhalb der Niveaus, die im Vorfeld des Anleihetauschs 2012 erreicht wurden. Anleger hoffen darauf, dass es entweder zu einer Lösung zwischen den Konfliktparteien kommt oder Griechenland angesichts des relativ geringen Volumens der noch verbliebenen privaten Forderungen nur gegenüber den öffentlichen Gläubigern den Zahlungsausfall erklärt. Dies könnte überdies die Rückzahlungswahrscheinlichkeit bei griechischen Anleihen sogar erhöhen. Dieser Hoffnung steht aber das nicht auszuschließende Risiko eines Grexits gegenüber, sodass sich die sehr gewagte Spekulation inzwischen als digitale Option darstellt.

Käme es wider Erwarten doch zu einem Grexit, könnte dies auch die Anleihen anderer EWU-Staaten in Mitleidenschaft ziehen, die gegenwärtig nur noch sporadisch auf Nachrichten aus Athen reagieren.

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