Wachstum und Wechselkurse – ein überschätzter Richtungsweiser?

Die wirtschaftliche Entwicklung gilt als einer der großen fundamentalen Richtungsweiser für den Wechselkurs einer Währung. Dies hat die jüngste Entwicklung des US-Dollar eindrucksvoll vor Augen geführt. So hatten schwache Konjunkturdaten und Wachstumszahlen für das erste Quartal die US-Währung zwischen April und Mitte Mai merklich unter Abgabedruck gebracht. Erst Äußerungen von Seiten der Federal Reserve, wonach die jüngste Wachstumsschwäche nur eine Verschnaufpause im Rahmen eines intakten Aufschwungs darstelle, konnten dem US-Dollar wieder unter die Arme greifen.

Mit Blick auf die Entwicklung der vergangenen acht Jahre zeigt sich jedoch ein eher durchwachsenes Bild. Zum einen haben sich Bruttoinlandsprodukt und handelsgewichteter Wechselkurs der G10-Währungen in diesem Zeitraum zum Teil in unterschiedliche Richtungen bewegt. Zum anderen ist nicht davon auszugehen, dass die auf Basis der divergierenden wirtschaftlichen Entwicklungen zum Teil bestehenden „Fehlbewertungen“ an den Devisenmärkten rasch abgebaut werden. Vielmehr deuten unsere Wechselkursprognosen zum Teil sogar auf eine weitere Verschärfung des unterstellten Korrekturbedarfs hin.

Ein wesentlicher Grund hierfür dürfte in der großen Bedeutung der Erwartungen für die Wechselkursentwicklung zu finden sein. So spielen in der Regel die für die nächsten Quartale erwarteten Konjunkturdaten eine größere Rolle als die Entwicklungen der vergangenen Jahre. Entsprechend haben Länder wie Neuseeland, Australien, und die USA, deren Wachstum nach Einschätzung der Marktteilnehmer in den nächsten Quartalen deutlich anziehen sollte, derzeit die besten Karten. Die drei zugehörigen Währungen dürften bis zum Ende des Jahres zu den Gewinnern an den Devisenmärkten zählen.

In die Erwartungsbildung der Devisenmarktteilnehmer dürfte darüber hinaus das Potenzialwachstum einer Volkswirtschaft einfließen. So ist die Erwartungshaltung gegenüber der Zunahme des Bruttoinlandsprodukts für Australien und Neuseeland sicherlich höher als für den Euroraum oder Japan. Der Vergleich der absoluten Wachstumsgrößen spiegelt demnach nur einen sehr groben Vergleich der tatsächlichen konjunkturellen Situation wider. Für kleinere Volkswirtschaften und risikosensitivere Währungen sollten zudem globale Vorgaben nationale Entwicklungen für einen längeren Zeitraum überlagern können.

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