Notenbanken in der Zwickmühle

Die Inflation ist weltweit sehr niedrig. So schrammt die jährliche Preissteigerung für Konsumgüter in Deutschland und im Euroraum seit Monaten an der Nullmarke entlang. In Großbritannien ist die Inflation sogar das erste Mal seit mehr als 30 Jahren negativ geworden. Ähnliche Entwicklungen kann man in den USA und anderen Industrieländern beobachten. Grund dafür ist vor allem der kräftige Fall des Ölpreises, der im vierten Quartal des letzten Jahres um fast 50 Prozent gesunken ist. Das hat einen starken Rückgang bei den gesamten Energiepreisen verursacht und damit auch die Inflationsraten nach unten gedrückt hat.

Alle wichtigen Notenbanken haben schon sehr frühzeitig auf die niedrigen Inflationsraten reagiert und die Zinsen gesenkt. War dies nicht mehr möglich, haben sie ihre sehr akkommodierende Geldpolitik fortgesetzt oder, wie die EZB, eine quantitative Lockerung gestartet. Diese Politik ist nun seit einiger Zeit in Kraft. Zwar war nicht zu erwarten, dass die umfassenden Inflationsraten („Headline-Raten“) auf diese Politik unmittelbar reagieren, und auch bei den Kernraten der Inflation (unter Ausschluss der volatilen Komponenten Nahrungsmittel und Energie) ist sicherlich von einer erheblichen Wirkungsverzögerung der Geldpolitik auszugehen.

Die Kernraten weisen in vielen Industrieländern eine leicht sinkende oder wie in den USA eine konstante Entwicklung auf – und das obwohl die extrem expansive Geldpolitik vielerorts schon seit längerer Zeit umgesetzt wird. Die Ursache für diese sehr moderate Inflationsentwicklung dürfte vor allem darin liegen, dass das Wirtschaftswachstum nun merklich geringer ausfällt als noch vor einigen Jahren. So liegt das Weltwachstum nun schon geraume Zeit bei kaum mehr als 3 Prozent; vor der Krise waren es für einige Jahre rund 5 Prozent. Trotz des schwachen Wachstums sind die vorhandenen Produktionskapazitäten aber in den meisten Ländern Umfragen zufolge nicht unterausgelastet, denn Investitionen in neue Kapazitäten wurden in den letzten Jahren vielfach aufgeschoben oder ganz gestrichen. Das hat zur Folge, dass trotz des schwachen Wachstums der Nachfrage zumindest im Industriebereich keine nennenswerte Unterauslastung festzustellen ist.

Wenn die Kapazitäten sich aufgrund zu geringer Investitionen weiter reduziert haben, wird die Geldpolitik allmählich viel zu locker. Es könnte dann bei anziehender Nachfrage zu einem schnellen und starken Anstieg der Inflation kommen. Klassische Reaktionsmuster der Notenbanken vorausgesetzt, müsste dies eine kräftige Straffung der Geldpolitik zur Folge haben, was dann jedoch auch die Wachstumsaussichten der Länder wieder eintrüben würde – also ebenfalls eine eher ungünstige Konstellation.

Verhindern könnte man eine solche Entwicklung, indem die Notenbanken die sehr lockere Geldpolitik bereits jetzt etwas straffen würden. Eine Ausnahme stellt möglicherweise der Euroraum dar, wo ein großer Teil der lockeren Geldpolitik auf die politischen Gegebenheiten und Anforderungen zurückzuführen ist.

Warum also wird dies nicht gemacht? Wenn die Notenbanken also dieser Argumentation folgen würden, träfe man die Entscheidung einer etwas frühzeitigeren Straffung der Geldpolitik unter Unsicherheit, da die Höhe der aktuellen Kapazitätsauslastung nicht exakt bekannt ist. Stattdessen wird dieser Aspekt größtenteils ignoriert, und die Geldpolitik wird – mit dem Verweis auf mögliche Deflationsgefahren – extrem locker gehalten. Der Preis hierfür ist jedoch die Gefahr eines schnellen und kräftigen Anstiegs der Inflationsraten in der Zukunft – mit den beschriebenen Effekten auf die längerfristigen Wachstumsaussichten.

Aus meiner Sicht könnte man durch eine etwas straffere Geldpolitik beiden Gefahren adäquat begegnen. Leider ist eine solche Geldpolitik aktuell jedoch nicht absehbar.

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