Deutsche Arbeitnehmer holen auf

Die Tarifeinkommen in der deutschen Privatwirtschaft steigen derzeit schneller als im europäischen Durchschnitt – und auch schneller als im Nachbarland Frankreich. Darauf weist eine aktuelle Meldung des Statistischen Bundesamtes hin. Im Jahr 2014 sind die tariflichen Monatsverdienste in der deutschen Privatwirtschaft demnach um 2,9% angestiegen, in Frankreich dagegen nur um 1,4%. Auch wenn man – unter Berücksichtigung der Preissteigerungen – die Realeinkommensentwicklung betrachtet, ergibt sich für 2014 ein erheblicher Einkommensvorsprung für die deutschen Arbeitnehmer: Während die realen Einkommen hierzulande um 2,1% angestiegen sind, kletterten sie bei unseren Nachbarn jenseits des Rheins nur um 0,8%.

Die Einkommen vollziehen damit nach, was die allgemeine Wirtschaftsentwicklung und die jeweiligen Arbeitsmärkte vorgeben. Denn die deutsche Wirtschaft wächst bereits seit Jahren deutlich dynamischer als die französische, und das strahlt auch auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit aus. Seit 2010 legte das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland jedes Jahr durchschnittlich um 2% zu, in Frankreich war die Wachstumsrate im Schnitt mit 1% genau halb so hoch. Und während die Beschäftigung in den letzten fünf Jahren in Deutschland durchschnittlich um 0,8% zulegte, kam Frankreich auf ein Plus von 0,3%. Daraus resultierte ein Rückgang der deutschen Arbeitslosenquote seit 2010 um zwei Prozentpunkte, während die Quote der Beschäftigungslosen im westlichen Nachbarland um einen Prozentpunkt zulegte. In Frankreich lag die Arbeitslosenquote zuletzt mit 10,5% mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland mit 4,9% (EU-harmonisierte Raten).

Verwunderlich an den heute gemeldeten Zahlen ist daher weniger, dass die Einkommen in Frankreich langsamer steigen als in Deutschland, sondern eher, dass sie bei unseren französischen Nachbarn überhaupt noch merklich ansteigen. Denn Frankreich weist immer noch ein deutlich höheres Einkommensniveau auf als Deutschland, und die hohen Einkommen dürften einer der wesentlichen Gründe sein für die Malaise am französischen Arbeitsmarkt. Als sich Deutschland vor gut zehn Jahren in einer ähnlichen Lage befand wie Frankreich heute, also schwaches Wirtschaftswachstum gepaart mit hoher Arbeitslosigkeit, einigten sich hierzulande die Tarifparteien auf eine längere Phase der Lohnzurückhaltung und die damalige rot-grüne Bundesregierung setzte wichtige Reformen für den Arbeitsmarkt um. Eine ähnliche – zugegebenermaßen sehr unpopuläre – Kur benötigt auch die Wirtschaft im Nachbarland, um wieder auf die Beine zu kommen.

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