Griechenland: Gut, schlecht, am schlechtesten

Während auf den ersten Blick das Referendum in Griechenland dem Volk die Chance einer politischen Mitbestimmung bietet, entpuppt sich die anberaumte Wahl bei näherer Betrachtung als Risiko. Zum einen ist die Zeit bis zur Wahl kurz und gestattet den Bürgern kaum, sich ausreichend zu informieren. Zum anderen wird über ein Programm mit diversen technischen und nicht leicht verständlichen Details entschieden, dessen Grundlage mit Ablauf des 30. Juni entfallen ist.

Keine der Wahloptionen verspricht mit Sicherheit eine schnelle Entscheidung in der Griechenland-Krise. Stimmen die Griechen mit „Nein“ zu den Reformen, werden trotzdem Verhandlungen mit der Eurogruppe geführt. Hier wird sich zeigen, ob Griechenland angesichts des drohenden Grexits und der dann zu erwartenden negativen wirtschaftlichen und sozialen Folgen einknickt oder im Hinblick auf die den Wählern versprochene Standfestigkeit gegenüber den Gläubigern das Experiment eines Euro-Ausstiegs wagt. Die Bereitschaft der Gläubiger, ihrerseits auf Griechenland zuzugehen, dürfte angesichts der Eskalation des Streits und aus Sorge vor den politischen Folgen in ihren Heimatländern ebenfalls nicht hoch sein.

Stimmen die Griechen mit „Ja“ zu den Reformen, bedeutet das nicht, dass eine Einigung mit den Gläubigern nur noch reine Formsache wäre. Das Risiko eines politischen Stillstands wäre erheblich und niemand wüsste, wer als Sieger aus etwaigen Neuwahlen hervorginge und wann eine neue handlungsfähige Regierung im Amt sein könnte.

Insgesamt liegt nach einem Referendum die Wahrscheinlichkeit für eine baldige Einigung, die einen Grexit im Ansatz verhindert, bei etwa 50%. Die Wahrscheinlichkeit eines beginnenden Grexits, der sich aufgrund langwieriger Verhandlungen und womöglich fehlender ELA-Finanzierung einstellt, ist mit geschätzten etwa 32% ebenfalls hoch. Die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland sich dauerhaft aus dem Euro verabschiedet und beide Verhandlungsseiten die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen in Kauf nehmen, dürfte mit rund 18% niedriger sein.

Die im Hinblick auf einen drohenden Grexit nach wie vor am wenigsten riskante Lösung wäre wohl eine Absage des Referendums in letzter Minute. Dies könnte den Grundstein legen, dass man sich auf einen ESM-Kredit verständigte, der auf Basis der bisherigen Verhandlungsergebnisse einschließlich eines Schuldenschnitts, den Bundeskanzlerin Merkel inoffiziell wohl in Aussicht gestellt hatte, zustande käme.

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