Peking meldet „Wirtschaft auf Kurs“

Chinas Wirtschaft hat sich im abgelaufenen Quartal auf einem stabilen Wachstumspfad bewegt – das ist die Botschaft der offiziellen BIP-Zahlen für das zweite Vierteljahr dieses Jahres, die heute Morgen veröffentlicht wurden. Danach ist die Wirtschaftsleistung um 1,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen und damit wieder etwas schneller als noch zum Jahresauftakt, als ein vergleichsweise schwaches Wachstum von nur (jetzt leicht hoch revidierten) 1,4 Prozent erreicht wurde. Der Wert deckt sich mit unseren Erwartungen und wird von einer etwas dynamischeren Entwicklung in der Industrie und höheren Einzelhandelsumsätzen gestützt.

Die nun gemeldete und an den Finanzmärkten viel beachtete jährliche Wachstumsrate sehen wir allerdings mit Skepsis: Peking beziffert den Anstieg gegenüber dem Vorjahr mit 7 Prozent, also unverändert gegenüber dem ersten Quartal und leicht höher als die Markterwartungen. Dass sich die leichte Wachstumsbeschleunigung im Quartalsverlauf nicht in der Jahresrate niedergeschlagen hat, ist auf einen negativen Basiseffekt zurückzuführen. Im Frühjahr vergangenen Jahres hatte die chinesische Regierung mit einem sog. „Mini-Stimulus“-Paket das Wirtschaftswachstum deutlich angeschoben. Nach unseren Berechnungen ist der daraus resultierende Basiseffekt aber ausgeprägter als die gemeldete Rate suggeriert. Das jährliche BIP-Wachstum auf Basis der veröffentlichten Quartalsrate dürfte zuletzt höchstens bei 6,7 bis 6,8 Prozent liegen und damit wieder unterhalb des erst im März dieses Jahres abgesenkten Wachstumsziels von 7 Prozent.

Wir vermuten, dass Peking angesichts der jüngsten Turbulenzen an den chinesischen Aktienmärkten und der enormen Anstrengungen, die unternommen wurden, um die Börsen zu stabilisieren, dringend melden musste, dass die Wirtschaft weiterhin „auf Kurs“ ist. Schließlich zieht die Kommunistische Partei ihren alleinigen Führungsanspruch auch aus dem Duktus, die Wirtschaft „im Griff zu haben“ und für das Wohlergehen der Menschen sorgen zu können. Deshalb ist unseres Erachtens auch eines der größten Risiken, dass die geplatzte Aktienblase zu sozialen Unruhen führen könnte, da die Träume zahlreicher Kleinanleger vom schnellen Wohlstand nun ebenfalls „geplatzt“ sind und die chinesische Regierung die Menschen förmlich gedrängt hat, sich am Aktienmarkt zu engagieren. Auch für die Finanzstabilität war der staatlich angeordnete Börsenboom schädlich, denn viele Chinesen haben „auf Pump“ Aktien gekauft, was nun die Bankbilanzen belasten dürfte. Außerdem haben die geldpolitischen Lockerungen der vergangenen Monate vereinzelt bereits zu stark steigenden Häuserpreisen geführt, was ebenfalls bald schon zu einem Problem werden könnte. Mit realwirtschaftlichen Folgen des Aktien-Crashs rechnen wir dagegen vorerst nicht – dafür war der vorangegangene Höhenflug zu kurz. Die wenigen Monaten der Hausse haben nicht gereicht, damit sich die Vermögensillusion bei den Verbrauchern auch materialisieren konnte, so dass sich nun auch keine negativen Vermögenseffekte einstellen dürften.

Wir gehen deshalb unverändert von einem weitgehend stabilen, aber leicht abwärts gerichteten Wachstumspfad im weiteren Jahresverlauf aus. Für das Gesamtjahr veranschlagen wir ein Wachstum leicht unterhalb des offiziellen Zielwertes von 6,8 Prozent. Um dies zu erreichen, sind fiskalische Stimuli neben den bereits erfolgten geldpolitischen Maßnahmen aber unumgänglich.

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