Japan: Lohnerhöhungen für Wirtschaftswachstum

Die jüngste Lohnrunde in Japan zwischen dem gewerkschaftlichen Dachverband Rengo und den Unternehmen hat durchschnittliche Tariflohnanhebungen von 2 ½ Prozent gebracht. Es sind die höchsten Lohnabschlüsse seit 2001. Vorausgegangen war ihnen ein wiederholter Appell von Premierminister Abe an die Unternehmen, diesmal deutliche Lohnerhöhungen zu gewähren, um so die Konsumlust und das Wachstum der Gesamtwirtschaft anzukurbeln. Dies wäre auch im Eigeninteresse der Unternehmen. Wie sind die Lohnabschlüsse einzuordnen und inwieweit haben sich mit ihnen nun die Erfolgschancen der Abenomics gebessert?

Bei einer Inflationsrate von zuletzt 0,5 Prozent (J/J) bieten die jüngsten Lohnabschlüsse durchaus ein spürbares Maß an zusätzlicher Kaufkraft für die Arbeitnehmer, zumal einige Großunternehmen der Exportindustrie noch über den Lohnanstieg von knapp 2 ½ Prozent hinausgegangen sind. Dieses Mehr an Kaufkraft ist auch nötig, so dass sich die privaten Haushalte endgültig vom Schock der Konsumsteueranhebung vom April letzten Jahres erholen können. Im Sinne der Abenomics sind mit dem Lohnanstieg jedenfalls klare Erwartungen auf vermehrte Konsumausgaben verbunden. Wenn sich diese erfüllen, steigt auch die Chance, dass die Verbraucherpreise nachfrageseitig nach oben gezogen werden und Japan die Deflationsmentalität der letzten Jahre endgültig abschütteln kann.

Ob über die jüngsten Einkommensverbesserungen bei Japans Lohnempfängern nun tatsächlich ein nachhaltiger Konsumschub ausgelöst wird, erscheint aber dennoch zweifelhaft. Zu bedenken ist, dass längst nicht alle Lohnempfänger von den Tarifabschlüssen profitieren werden. Der Arbeitsmarkt ist derzeit zwar fest und die Arbeitslosenquote ist mit 3,3 Prozent auf ein 18-Jahrestief gefallen. Bei vielen der neu geschaffenen Jobs handelt es sich aber nicht um normale Vollzeitstellen. Eine wachsende Zahl von Japanern wird vielmehr im Rahmen so genannter „irregulärer Jobs“ weit untertariflich entlohnt. Dies gilt auch für die Mehrzahl der rund 1 Mill. Frauen, die seit dem Amtsantritt von Abe zu den aktiv Erwerbstätigen dazu gestoßen sind.

Als irregulär gelten in Japan Teilzeitjobs, Zeitarbeit und Leiharbeit bei zumeist kleineren Unternehmen wie etwa denen im Einzelhandel oder im lokalen Servicesektor. Die Entlohnung erreicht hier maximal zwei Drittel der vergleichbaren Tariflöhne, Nebenleistungen sind gering oder entfallen ganz. Der Anteil der „irregulären Jobs“ ist in den letzten 15 Jahren stetig gestiegen von 26 auf nun 38 Prozent. In Kleinunternehmen, wo es nur geringen oder gar keinen gewerkschaftlichen Zugriff gibt, haben die Tarifabschlüsse damit wenig Bedeutung. Auch dort, wo Unternehmen nicht von der Yen-Abwertung profitieren, suchen sie Kostenentlastung durch mehr „irreguläre“ Jobs. Im Zuge dieser Entwicklung ist der reale Arbeitslohn pro Kopf seit Ende 2012 (Beginn der Abenomics) um fast 2 Prozent gefallen. Laut Umfragen ist derzeit weniger als die Hälfte der Unternehmen, die irreguläre und somit gewerkschaftlich nicht-organisierte Arbeitskräfte einsetzen, bereit, ihrer Belegschaft deutliche Lohnerhöhungen zu gewähren.

Lohnanhebungen erscheinen im Abenomics-Konzept zwar notwendig, eine hinreichende Bedingung für die angestrebte Konjunkturankurbelung sind sie aber noch nicht. Hierzu ist es vielmehr unumgänglich, dass Abe – endlich – mit der Umsetzung seiner Strukturreformen beginnt und konsequente Schritte zur Anhebung der Produktivität und zur Kostensenkung in der Wirtschaft vorgenommen werden. Strukturwandel im Sinne besserer Wettbewerbschancen von neuen (produktiven) und auch kleinen Unternehmen dürfte dabei von ganz allein für bessere und leistungsgerechte Entlohnung der Arbeitnehmer und mehr Konsumausgaben sorgen und so mithelfen, dass die Deflationsmentalität überwunden wird.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 0

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *