China: Die Folgen des Aktien-Crash

Der Crash am chinesischen Aktienmarkt in den vergangenen Wochen hat rund um den Globus einmal mehr die Sorgen vor einem Einbruch der chinesischen Konjunktur geweckt – einem „hard landing“ der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt, das zweifellos die gesamte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würde. Dies ist nicht zuletzt abzulesen an den Weltmarktpreisen der wichtigsten Rohstoffe, die seit Mitte Juni kräftig korrigiert haben. Der deutliche Rückgang des Einkaufsmanagerindexes für die chinesische Industrie auf ein Zwei-Jahres-Tief scheint diese Sicht zu bestätigen. Wir halten die Befürchtungen aber für überzogen.

Zunächst einmal: Die Korrelation des Aktienmarktes mit dem Wirtschaftswachstum ist in China von jeher gering – als konjunktureller Vorbote eignet er sich kaum. Was wäre ansonsten die Botschaft des vorangegangen 150-prozentigen Kursanstiegs in einem Umfeld kontinuierlich nachlassender Wachstumsraten? Als Indikator für einen Wachstumseinbruch sollte der Aktien-Crash sicherlich nicht gesehen werden, zumal die zuletzt veröffentlichten „harten“ Wachstumsindikatoren (Industrieproduktion, Einzelhandel und Investitionen) ein zwar verhaltenes, gleichwohl aber relativ stabiles Konjunkturbild zeichnen.

Bleibt die Befürchtung, dass die Kursverluste, die vor allem zahlreiche chinesische Kleinanleger verkraften müssen, negative realwirtschaftliche Effekte nach sich ziehen, beispielsweise über negative Vermögenseffekte bei den privaten Haushalten, die den Konsum belasten würden. Dass dies in einer Größenordnung von gesamtwirtschaftlicher Relevanz auftreten wird, halten wir aber für unwahrscheinlich. Der vorangegangene Aktien-Höhenflug war zwar enorm, aber letztlich zu kurz, damit sich bei den Verbrauchern die Vermögensillusion auch in zusätzlichem Konsum materialisiert, der nun wieder einbrechen könnte. Hierfür gibt es auch keinerlei Hinweis bei den Konjunkturindikatoren.

In Erinnerung rufen sollte man sich vielmehr, dass die chinesische Wirtschaft in den vergangenen Jahren bereits massiv abgebremst hat – vermutlich sogar stärker, als manche offiziellen Zahlen suggerieren. Chinas Importe sind bereits seit Monaten schwach, auch in realer Rechnung. Das Wachstum der Industrie hat sich in den letzten zwei Jahren fast halbiert, was in den Stimmungsindikatoren bislang aber nur unzureichend zum Ausdruck kam. Angesichts des demografischen Wandels des Landes, nachlassender Produktivität und erheblicher Überkapazitäten in Industrie und Wohnungsbau ist diese langsamere Gangart aber durchaus gesund, zumal sie sich dank der permanenten konjunkturpolitischen Eingriffe Pekings auf einem relativ stabilen und nur moderat abwärts gerichteten Wachstumspfad vollzieht. Wir glauben, dass die chinesische Regierung auch weiterhin in der Lage sein wird, die Wirtschaft auf diesem Pfad zu stabilisieren und halten deshalb an unserer bisherigen Prognose fest, die ein weiter leicht nachlassendes Wachstumstempo unterstellt (2015: 6,8%, 2016: 6,5%).

Kritischer scheint uns dagegen, dass mit dem Platzen der Aktienblase für viele Kleinanleger jetzt nicht nur der Traum vom schnellen Reichtum ebenfalls „geplatzt“ ist, sondern dass sie von der chinesischen Regierung mit genau dieser Illusion förmlich zum Kauf von Aktien gedrängt wurden. In einem Land, das nach wie vor hohe und steigende Einkommensunterschiede aufweist und wo sich große Teile der politischen Elite auf Kosten der einfachen Bevölkerung bereichert haben, ist dies sicherlich ein Nährboden für sozialen Unmut. Die unkonventionellen und fast schon verzweifelten Versuche Pekings, die hohen Kursverluste an den Börsen zu begrenzen und die Märkte zu stabilisieren, zeugen unseres Erachtens vor allem von der Motivation, die soziale und politische Stabilität zu wahren. Schließlich zieht die Kommunistische Partei ihren alleinigen Führungsanspruch nicht zuletzt aus der Attitüde, die Wirtschaft „im Griff“ zu haben. Ob es die Führungsriege wagt, in diesem Umfeld an ihrer ambitionierten und längst nicht unumstrittenen marktwirtschaftlich orientierten Reformagenda festzuhalten, ist fraglich. Reformstaus und die Gefahr sozialer Unruhen sind aus unserer Sicht derzeit aber die größeren Risiken für die chinesische Wirtschaft.

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2 Kommentare

Jonas Jahnke

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Stefan Bielmeier

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